COVID-19 veränderte die Psychotherapie-Landschaft: Warum plötzlich 7-mal mehr Menschen zur Online-Therapie wechselten

⏱️ 8 Min. Lesezeit 📅 2026 📖 European psychiatry : the journal of the Association of European Psychiatrists 👨‍🔬 Glock M, Erdekian A, Rueb M, Uhl F, Husemann R et al.
📋 Studien-Steckbrief Meta-Analysis
128
Teilnehmer
2026
Jahr
🎯 PICO-Analyse
P
Population
Patienten mit mentalen Gesundheitsproblemen aus 128 Studien
I
Intervention
COVID-19 Pandemie-Periode
C
Vergleich
Vor-Pandemie-Periode
O
Ergebnis
Nutzung von mentalen Gesundheitsdiensten (stationaer, Notaufnahme, ambulant, Telemedizin, Medikamentenverschreibungen)
📰 Journal European psychiatry : the journal of the Association of European Psychiatrists
👨‍🔬 Autoren Glock M, Erdekian A, Rueb M, Uhl F, Husemann R et al.
🔬 Typ Meta-Analysis
💡 Ergebnis Signifikante Rueckgaenge in stationaeren Diensten (RR: 0.75) und ambulanten Diensten (RR: 0.78), waehrend Telemedizin-Nutzung stark anstieg (RR: 7.57)
🔬 Meta-Analysis

COVID-19 veränderte die Psychotherapie-Landschaft: Warum plötzlich 7-mal mehr Menschen zur Online-Therapie wechselten

European psychiatry : the journal of the Association of European Psychiatrists (2026)

Stellen Sie sich vor, Sie brauchen dringend psychologische Hilfe, aber die Praxis ist geschlossen, die Notaufnahme überfüllt und Sie haben Angst vor einer Ansteckung. Genau diese Situation erlebten Millionen von Menschen weltweit während der ersten Monate der COVID-19-Pandemie. Eine neue Meta-Analyse, die 128 internationale Studien zusammenfasst, zeigt nun erstmals das ganze Ausmaß der Veränderungen: Während stationäre psychiatrische Behandlungen um ein Viertel zurückgingen, explodierte die Nutzung von Telemedizin geradezu – sie stieg um das 7,5-Fache an.

Diese dramatischen Verschiebungen in der Versorgung psychisch kranker Menschen werfen wichtige Fragen auf: Erhielten die Menschen, die Hilfe brauchten, tatsächlich die Unterstützung, die sie benötigten? Oder entstanden gefährliche Versorgungslücken? Und welche Lehren können wir für künftige Krisen ziehen?

Hintergrund und Kontext

Die COVID-19-Pandemie stellte das Gesundheitswesen vor beispiellose Herausforderungen. Während sich die Aufmerksamkeit zunächst auf die Intensivstationen richtete, gerieten die Auswirkungen auf die psychische Gesundheitsversorgung oft in den Hintergrund. Dabei war bereits früh klar, dass die Pandemie auch eine Krise der seelischen Gesundheit auslösen würde.

Schon vor der Pandemie litten weltweit etwa 970 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen oder Störungen durch Substanzmissbrauch. Die Weltgesundheitsorganisation hatte bereits 2019 auf eine massive Unterversorgung hingewiesen: In vielen Ländern erhielten weniger als 30 Prozent der Betroffenen professionelle Hilfe. Die Pandemie verschärfte diese Situation auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Einerseits stiegen die Belastungen für die psychische Gesundheit dramatisch an. Soziale Isolation, Arbeitsplatzunsicherheit, finanzielle Sorgen und die Angst vor Ansteckung führten zu einem Anstieg von Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Problemen. Studien zeigten, dass sich die Prävalenz von Depressionen in den ersten Pandemie-Monaten mehr als verdreifachte – von 8,5 Prozent vor der Pandemie auf über 27 Prozent im April 2020.

Gleichzeitig wurde die Versorgung massiv erschwert. Krankenhäuser reduzierten nicht-notwendige Behandlungen, um Kapazitäten für COVID-19-Patienten freizumachen. Ambulante Praxen schlossen oder stellten auf Notfallbetrieb um. Patienten und Behandler hatten gleichermaßen Angst vor Ansteckungen. Die gewohnten Strukturen der psychischen Gesundheitsversorgung brachen binnen weniger Wochen zusammen.

Was in dieser kritischen Zeit tatsächlich mit der Inanspruchnahme psychischer Gesundheitsdienste geschah, blieb jedoch lange unklar. Einzelne Studien berichteten von dramatischen Rückgängen bei stationären Aufnahmen, andere dokumentierten einen Boom bei Videosprechstunden. Doch ein umfassendes Bild der Veränderungen fehlte bislang – bis jetzt.

Die Studie im Detail

Um diese Wissenslücke zu schließen, führte ein internationales Forscherteam die bisher umfassendste Analyse der Veränderungen in der psychischen Gesundheitsversorgung durch. Sie durchsuchten systematisch drei große wissenschaftliche Datenbanken – PubMed, Embase und PsycINFO – nach allen relevanten Studien, die zwischen November 2019 und dem Analysezeitpunkt veröffentlicht wurden.

Das Ergebnis war beeindruckend: 128 hochwertige Studien aus aller Welt erfüllten die strengen Einschlusskriterien. Diese Studien erfassten zusammen Millionen von Patientenkontakten und verglichen die Nutzung verschiedener Arten von psychischen Gesundheitsdiensten vor und während der ersten Pandemie-Welle. Die geografische Verteilung war breit: Studien kamen aus Nordamerika, Europa, Asien und anderen Kontinenten, was eine gute Generalisierbarkeit der Ergebnisse ermöglicht.

Die Forscher unterteilten die Versorgung in vier Hauptkategorien: stationäre psychiatrische Behandlungen (Klinikaufenthalte), psychiatrische Notfälle (Behandlungen in Notaufnahmen), ambulante Behandlungen (Termine in Praxen und Ambulanzen) sowie Medikamentenverschreibungen. Zusätzlich analysierten sie separat die Entwicklung der Telemedizin – ein Bereich, der vor der Pandemie nur eine Nischenrolle spielte.

Die Ergebnisse waren eindeutig und teilweise überraschend: Bei den stationären psychiatrischen Behandlungen zeigte sich ein dramatischer Rückgang. Das relative Risiko (RR) lag bei 0,75, was bedeutet, dass nur noch 75 Prozent der üblichen Aufnahmen stattfanden – ein Rückgang um ein Viertel. Anders ausgedrückt: Für jeden vier Patienten, die normalerweise stationär aufgenommen worden wären, wurden während der ersten Pandemie-Monate nur drei tatsächlich behandelt.

Auch bei den psychiatrischen Notfällen gingen die Zahlen zurück, allerdings weniger stark als befürchtet. Mit einem relativen Risiko von 0,87 sanken die Behandlungen in Notaufnahmen um etwa 13 Prozent. Interessant ist, dass das Konfidenzintervall hier sehr breit war (0,69 bis 1,10), was auf große Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen und Gesundheitssystemen hindeutet.

Die ambulante Versorgung war ähnlich stark betroffen wie die stationäre: Mit einem relativen Risiko von 0,78 fanden nur noch etwa 78 Prozent der üblichen Termine statt. Das entspricht einem Rückgang von mehr als einem Fünftel – ein erheblicher Einbruch in der Grundversorgung psychisch kranker Menschen.

Überraschend stabil blieb dagegen die Verschreibung von Psychopharmaka. Hier zeigte sich mit einem relativen Risiko von 0,90 nur ein moderater, statistisch nicht signifikanter Rückgang um etwa 10 Prozent. Dies deutet darauf hin, dass bereits behandelte Patienten ihre Medikation größtenteils weiterführen konnten, auch wenn persönliche Termine ausfielen.

Der spektakulärste Befund betraf jedoch die Telemedizin: Hier explodierte die Nutzung geradezu. Mit einem relativen Risiko von 7,57 wurden mehr als siebenmal so viele Videotermine und Telefonate durchgeführt wie vor der Pandemie. Dieser Anstieg um 657 Prozent zeigt, wie schnell sich sowohl Behandler als auch Patienten an die neue Situation anpassten.

So wurde die Studie durchgeführt

Eine Meta-Analyse ist gewissermaßen eine “Studie über Studien” – sie fasst die Ergebnisse vieler Einzeluntersuchungen zu einem Gesamtbild zusammen. Dieses Vorgehen ist besonders wertvoll, wenn man große, komplexe Phänomene verstehen möchte, die sich nicht in einer einzigen Studie erfassen lassen. Im Fall der COVID-19-Auswirkungen auf die psychische Gesundheitsversorgung war es praktisch unmöglich, eine einzige große Studie durchzuführen, die alle Aspekte abdeckt – dafür waren die Veränderungen zu schnell und zu vielfältig.

Die Forscher gingen dabei besonders systematisch vor. Sie entwickelten zunächst ein detailliertes Suchprotokoll, das alle relevanten Begriffe und Kombinationen umfasste. Begriffe wie “COVID-19”, “mental health services”, “psychiatry”, “utilization” und viele weitere wurden in verschiedenen Varianten und Sprachen gesucht. Dieser umfassende Ansatz sollte sicherstellen, dass keine wichtige Studie übersehen wurde.

Besonders wichtig war die Qualitätsbewertung der einzelnen Studien. Nicht jede veröffentlichte Untersuchung hält wissenschaftlichen Standards stand, und schwache Studien können das Gesamtergebnis verzerren. Die Forscher verwendeten daher eine modifizierte Version der Newcastle-Ottawa-Skala, eines etablierten Werkzeugs zur Bewertung von Beobachtungsstudien. Diese Skala prüft verschiedene Aspekte wie die Repräsentativität der Studienteilnehmer, die Qualität der Datenerhebung und die Vergleichbarkeit der Gruppen.

Für die statistische Auswertung nutzten die Forscher ein sogenanntes Random-Effects-Modell. Dieses Verfahren berücksichtigt, dass sich die einzelnen Studien nicht nur durch Zufall, sondern auch durch systematische Unterschiede voneinander unterscheiden können. Verschiedene Länder hatten unterschiedliche Pandemie-Maßnahmen, verschiedene Gesundheitssysteme und unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Das Random-Effects-Modell kann solche Unterschiede besser berücksichtigen als einfachere Verfahren.

Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Berechnung von Konfidenzintervallen. Diese statistischen Bereiche geben an, in welchem Rahmen das wahre Ergebnis mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit liegt. Ein breites Konfidenzintervall deutet auf große Unsicherheit oder starke Unterschiede zwischen den Studien hin, ein schmales Intervall auf robuste, konsistente Ergebnisse.

Die Forscher untersuchten auch systematisch, ob es Verzerrungen in der Studienauswahl gab – etwa die Tendenz, dass eher spektakuläre Ergebnisse veröffentlicht werden als unauffällige Befunde. Solche Publikationsverzerrungen können Meta-Analysen verfälschen und wurden daher sorgfältig geprüft.

Stärken der Studie

Diese Meta-Analyse zeichnet sich durch mehrere methodische Stärken aus, die ihre Aussagekraft erheblich erhöhen. Der wohl wichtigste Vorteil ist die schiere Größe des Datensatzes: 128 Studien aus verschiedenen Ländern und Gesundheitssystemen liefern ein deutlich robusteres Bild als jede Einzeluntersuchung. Diese internationale Perspektive ist besonders wertvoll, da die Pandemie-Auswirkungen regional sehr unterschiedlich ausfielen.

Die systematische Suchstrategie folgte internationalen Standards für Meta-Analysen und wurde in drei großen, komplementären Datenbanken durchgeführt. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass wichtige Studien übersehen wurden. Die Forscher dokumentierten zudem transparent ihre Auswahlkriterien und den gesamten Reviewprozess, was eine Überprüfung und Replikation ihrer Arbeit ermöglicht.

Besonders hervorzuheben ist die differenzierte Betrachtung verschiedener Versorgungsebenen. Statt nur allgemein von “psychischen Gesundheitsdiensten” zu sprechen, unterschieden die Forscher klar zwischen stationären Behandlungen, Notfällen, ambulanter Versorgung und Medikamentenverschreibungen. Diese Differenzierung ist wichtig, da verschiedene Versorgungsbereiche unterschiedlichen Dynamiken unterliegen und verschiedene Patientengruppen betreffen.

Die Qualitätsbewertung der eingeschlossenen Studien nach etablierten Kriterien stärkt die Verlässlichkeit der Ergebnisse erheblich. Schwache oder methodisch fragwürdige Studien können das Gesamtergebnis stark verzerren – durch die systematische Qualitätsprüfung wurde dieses Risiko minimiert.

Einschränkungen und Grenzen

Trotz der methodischen Stärken weist auch diese umfassende Meta-Analyse wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen. Die wichtigste Einschränkung betrifft die Heterogenität der eingeschlossenen Studien. Obwohl alle Untersuchungen die Nutzung psychischer Gesundheitsdienste vor und während COVID-19 verglichen, unterschieden sie sich erheblich in ihren spezifischen Methoden, Populationen und Settings.

Einige Studien verglichen beispielsweise März 2020 mit März 2019, andere betrachteten längere Zeiträume oder andere Vergleichszeiträume. Die Pandemie-Maßnahmen varierten stark zwischen verschiedenen Ländern und Regionen – von strengen Lockdowns bis hin zu weniger restriktiven Ansätzen. Diese Unterschiede erschweren es, die Ergebnisse zu verallgemeinern und spezifische Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu identifizieren.

Ein weiteres Problem ist die begrenzte Nachbeobachtungszeit der meisten Studien. Die Analyse konzentriert sich auf die erste Pandemie-Welle, typischerweise die ersten drei bis sechs Monate nach Pandemiebeginn. Längerfristige Auswirkungen und Anpassungseffekte konnten daher nicht erfasst werden. Es ist durchaus möglich, dass sich die Versorgungssituation in späteren Phasen der Pandemie wieder normalisierte oder dass neue Probleme auftraten.

Die Datenqualität der Originalstudien variierte erheblich. Während einige Untersuchungen auf umfassenden Registerdaten basierten, stützten sich andere auf Selbstberichte oder kleinere Stichproben. Zudem konnten wichtige Störfaktoren oft nicht ausreichend kontrolliert werden. Beispielsweise ist unklar, inwieweit der beobachtete Rückgang in der Inanspruchnahme auf reduzierten Bedarf oder auf Zugangsbarrieren zurückzuführen war.

Besonders problematisch ist die mögliche Verzerrung durch nicht erfasste Fälle. Menschen, die aufgrund der Pandemie-Situation keine professionelle Hilfe suchten oder erhielten, erscheinen nicht in den Statistiken der Gesundheitsdienste. Gerade die am stärksten betroffenen Gruppen – etwa Menschen ohne Internetzugang für Telemedizin oder mit schweren psychischen Erkrankungen – könnten systematisch unterrepräsentiert sein.

Die geografische Verteilung der Studien war zudem nicht gleichmäßig. Studien aus wohlhabenden Ländern mit gut ausgebauten Gesundheitssystemen waren überrepräsentiert, während Daten aus Entwicklungsländern unterrepräsentiert waren. Dies schränkt die globale Generalisierbarkeit der Ergebnisse ein.

Schließ

Quelle

Diese Zusammenfassung basiert auf: Utilization of mental health services during the first year of the COVID-19 pandemic - a systematic review and meta-analysis., veröffentlicht in European psychiatry : the journal of the Association of European Psychiatrists (2026).

→ Originalstudie auf PubMed (PMID: 41527398)