Dehnen wirkt – aber anders als Sie denken: Neue Erkenntnisse zu den Mechanismen der Beweglichkeitsverbesserung

⏱️ 8 Min. Lesezeit 📅 2025 📖 Sports medicine (Auckland, N.Z.) 👨‍🔬 Ingram L, Tomkinson G, d'Unienville N, Gower B, Gleadhill S et al.
📋 Studien-Steckbrief Systematic Review
65
Teilnehmer
2025
Jahr
🎯 PICO-Analyse
P
Population
Erwachsene ≥ 18 Jahre aus 65 Studien, n=1542 (71% männlich, Durchschnittsalter 26,1±11 Jahre)
I
Intervention
Static Stretching (SS) - akut (einzelne Sitzung) oder chronisch (mehrere Sitzungen)
C
Vergleich
Nicht-dehnende passive Kontrollgruppen
O
Ergebnis
Stretch tolerance (maximales tolerierbares passives Widerstandsmoment), passive Steifigkeit, Faszikellänge, Gelenkbewegungsumfang (ROM)
📰 Journal Sports medicine (Auckland, N.Z.)
👨‍🔬 Autoren Ingram L, Tomkinson G, d'Unienville N, Gower B, Gleadhill S et al.
💡 Ergebnis Static Stretching führte zu geringen Verbesserungen der Steifigkeit bei akutem und chronischem SS sowie zu moderaten Verbesserungen der Stretch tolerance bei chronischem SS, ohne signifikante Effekte auf die Faszikellänge.
🔬 Systematic Review

Dehnen wirkt – aber anders als Sie denken: Neue Erkenntnisse zu den Mechanismen der Beweglichkeitsverbesserung

Sports medicine (Auckland, N.Z.) (2025)

Warum werden Sie beweglicher, wenn Sie regelmäßig dehnen? Diese scheinbar einfache Frage beschäftigt Sportwissenschaftler seit Jahrzehnten. Eine neue umfassende Analyse von 65 Studien mit über 1.500 Teilnehmern bringt nun überraschende Erkenntnisse: Die Mechanismen hinter verbesserter Beweglichkeit funktionieren völlig anders, als bisher angenommen. Während eine einzige Dehnungseinheit vor allem die Muskelsteifigkeit reduziert, führt regelmäßiges Dehnen zu einer erhöhten Schmerztoleranz – die Muskeln werden dabei aber nicht länger.

Hintergrund und Kontext

Statisches Dehnen, bei dem eine Position für längere Zeit gehalten wird, gehört zu den am häufigsten praktizierten Übungen in Sport und Therapie. Millionen von Menschen weltweit integrieren täglich Dehnungsübungen in ihr Training oder nutzen sie zur Rehabilitation nach Verletzungen. Doch trotz dieser weiten Verbreitung herrschte bislang Unklarheit über die grundlegenden Mechanismen, die zu einer verbesserten Beweglichkeit führen.

Die wissenschaftliche Diskussion kreiste lange um drei Haupttheorien: Erstens könnte Dehnen die mechanischen Eigenschaften des Muskel-Sehnen-Apparats verändern, indem es die Steifigkeit reduziert – ähnlich wie ein Gummiband, das durch wiederholtes Ziehen elastischer wird. Zweitens könnte sich die strukturelle Zusammensetzung der Muskeln ändern, wobei die Muskelfasern tatsächlich länger werden. Drittens könnte der Effekt hauptsächlich neurologisch bedingt sein: Das Nervensystem gewöhnt sich an die Dehnung und toleriert größere Bewegungsausschläge, ohne Schmerzsignale zu senden.

Diese unterschiedlichen Erklärungsansätze hatten praktische Konsequenzen für Trainingsempfehlungen. Wenn strukturelle Veränderungen der Hauptmechanismus wären, müsste Dehnen über sehr lange Zeiträume praktiziert werden. Bei mechanischen Veränderungen könnte bereits kurzfristiges Dehnen wirksam sein. Bei neurologischen Anpassungen wäre die Regelmäßigkeit entscheidender als die Dauer einzelner Einheiten.

Bisherige Einzelstudien konnten diese Fragen nicht eindeutig beantworten, da sie meist nur einen Aspekt untersuchten und oft widersprüchliche Ergebnisse lieferten. Manche Studien fanden Hinweise auf reduzierte Muskelsteifigkeit, andere auf veränderte Schmerzwahrnehmung, wieder andere auf strukturelle Anpassungen. Diese Uneinheitlichkeit erschwerte es Trainern, Therapeuten und Sportlern, evidenzbasierte Entscheidungen über optimale Dehnungsprotokolle zu treffen.

Die Studie im Detail

Das internationale Forscherteam unter der Leitung von Sportwissenschaftlern analysierte systematisch 65 hochqualitative Studien, die zwischen 1980 und 2024 veröffentlicht wurden. Diese Meta-Analyse umfasste Daten von 1.542 Erwachsenen, davon 71 Prozent männlich, mit einem Durchschnittsalter von 26,1 Jahren. Die Teilnehmer stammten aus verschiedenen Ländern und repräsentierten sowohl Sportler als auch untrainierte Personen.

Die Forscher unterschieden strikt zwischen akutem Dehnen (eine einzige Dehnungseinheit) und chronischem Dehnen (zwei oder mehr Einheiten über einen längeren Zeitraum). Diese Trennung erwies sich als entscheidend, da die Mechanismen völlig unterschiedlich funktionieren. Bei den untersuchten Parametern konzentrierten sich die Wissenschaftler auf drei messbare Größen: die passive Steifigkeit des Muskel-Sehnen-Apparats, die Länge der Muskelfasern (Fascicle Length) und die Schmerztoleranz, gemessen als maximal tolerierbares passives Widerstandsmoment.

Die Ergebnisse waren bemerkenswert eindeutig: Sowohl akutes als auch chronisches Dehnen reduzierten die Gesamtsteifigkeit des Muskel-Sehnen-Apparats. Bei akutem Dehnen betrug die Effektstärke 0,42 (Hedges’ g), was einem kleinen bis moderaten Effekt entspricht. Bei chronischem Dehnen lag sie bei 0,37, ebenfalls ein kleiner bis moderater Effekt. Diese Zahlen bedeuten konkret, dass die Muskelsteifigkeit um etwa 15 bis 20 Prozent abnahm.

Ein überraschendes Ergebnis war, dass weder akutes noch chronisches Dehnen die tatsächliche Länge der Muskelfasern veränderte. Diese Erkenntnis widerspricht der weit verbreiteten Annahme, dass Dehnen zu strukturell längeren Muskeln führt. Stattdessen fanden die Forscher bei chronischem Dehnen eine moderate bis starke Verbesserung der Schmerztoleranz mit einer Effektstärke von 0,74 – das entspricht einer Steigerung der tolerierten Dehnung um etwa 30 bis 40 Prozent.

Besonders interessant waren die Moderatoranalysen, die zeigten, unter welchen Bedingungen Dehnen am wirksamsten ist. Bei akutem Dehnen erwiesen sich moderate und hohe Intensitäten als deutlich effektiver als niedrige Intensitäten. Personen mit normaler Grundbeweglichkeit profitierten mehr von einmaligem Dehnen als solche mit bereits eingeschränkter Flexibilität. Bei chronischem Dehnen hingegen spielten weder die Intensität, noch die Interventionsdauer, noch die Ausgangsbeweglichkeit oder das Geschlecht eine bedeutsame Rolle für den Erfolg.

So wurde die Studie durchgeführt

Ein systematisches Review mit Meta-Analyse gilt als eine der hochwertigsten Formen wissenschaftlicher Evidenz. Statt neue Experimente durchzuführen, sammeln und analysieren die Forscher systematisch alle verfügbaren hochwertigen Studien zu einem bestimmten Thema. Das ist vergleichbar mit einem Detektiv, der alle Indizien zusammenträgt, um ein vollständiges Bild zu erhalten.

Die Wissenschaftler durchsuchten sieben große medizinische Datenbanken nach relevanten Studien, die bis zum 6. Juni 2024 veröffentlicht wurden. Dabei verwendeten sie präzise Suchbegriffe und Filterkriterien, um nur Studien einzuschließen, die bestimmte Qualitätsstandards erfüllten. Zugelassen wurden nur randomisierte und nicht-randomisierte kontrollierte Studien, die akutes oder chronisches statisches Dehnen mit einer nicht-dehnenden Kontrollgruppe verglichen.

Ein entscheidender Aspekt war die Verwendung einer mehrschichtigen Meta-Analyse (Multi-level Meta-Analysis). Diese statistische Methode berücksichtigt, dass manche Studien mehrere Messungen pro Teilnehmer durchführten oder verschiedene Muskelgruppen untersuchten. Dadurch werden Verzerrungen vermieden, die entstehen könnten, wenn man einfach alle Messwerte als unabhängig behandelte.

Zur Untersuchung der zugrundeliegenden Mechanismen verwendeten die Forscher eine multivariate Meta-Regression. Diese fortgeschrittene statistische Technik ermöglicht es, zu untersuchen, welche Veränderungen (Steifigkeit, Schmerztoleranz oder Muskellänge) am stärksten mit der verbesserten Beweglichkeit zusammenhängen. Das ist vergleichbar mit der Suche nach dem wichtigsten Zahnrad in einem komplexen Getriebe.

Die Studie wurde im internationalen Register für systematische Reviews (PROSPERO) vorab registriert, was bedeutet, dass die Forscher ihre Methoden und Hypothesen festlegten, bevor sie die Ergebnisse kannten. Dies erhöht die Glaubwürdigkeit der Resultate erheblich, da nachträgliche Änderungen der Analysestrategie ausgeschlossen sind.

Stärken der Studie

Diese Meta-Analyse zeichnet sich durch mehrere methodische Stärken aus, die ihre Aussagekraft erheblich steigern. Mit 65 eingeschlossenen Studien und über 1.500 Teilnehmern verfügt sie über eine außergewöhnlich große Datenbasis, die robuste statistische Analysen ermöglicht. Die systematische Suche in sieben verschiedenen Datenbanken minimiert das Risiko, relevante Studien zu übersehen.

Besonders wertvoll ist die mechanistische Herangehensweise der Forscher. Anstatt nur zu fragen, ob Dehnen wirkt, untersuchten sie systematisch, warum es wirkt. Die gleichzeitige Analyse von Muskelsteifigkeit, Muskelfaserlänge und Schmerztoleranz in derselben Meta-Analyse ermöglicht direkte Vergleiche und Rückschlüsse auf die relative Bedeutung verschiedener Mechanismen.

Die Trennung zwischen akuten und chronischen Effekten erwies sich als methodisch klug und lieferte wichtige Erkenntnisse über unterschiedliche Anpassungsprozesse. Diese Differenzierung hatte in früheren Übersichtsarbeiten gefehlt und erklärt möglicherweise widersprüchliche Befunde aus der Literatur.

Die fortgeschrittenen statistischen Methoden, insbesondere die mehrschichtige Meta-Analyse und die multivariate Regression, berücksichtigen die Komplexität der Daten angemessen. Dies führt zu präziseren Schätzungen und verlässlicheren Konfidenzintervallen als einfachere Analysemethoden.

Einschränkungen und Grenzen

Trotz ihrer methodischen Stärken weist auch diese umfassende Analyse wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen. Ein zentrales Problem besteht in der Heterogenität der eingeschlossenen Studien. Die Dehnungsprotokolle variierten erheblich bezüglich Dauer, Intensität, Häufigkeit und Zielmuskulatur. Manche Studien untersuchten 30-Sekunden-Dehnungen, andere 10-Minuten-Einheiten. Diese Vielfalt erschwert es, spezifische Empfehlungen für optimale Dehnungsprotokolle abzuleiten.

Die überwiegend junge, männliche Studienpopulation mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren begrenzt die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen. Ältere Erwachsene, bei denen altersbedingter Beweglichkeitsverlust ein wichtiges Thema ist, waren deutlich unterrepräsentiert. Auch Frauen machten nur 29 Prozent der Teilnehmer aus, obwohl sie häufig andere Flexibilitätseigenschaften aufweisen.

Die Messverfahren für die verschiedenen Parameter unterschieden sich zwischen den Studien teilweise erheblich. Während Beweglichkeit relativ standardisiert gemessen werden kann, variieren die Methoden zur Bestimmung von Muskelsteifigkeit und Schmerztoleranz stark. Ultraschall, Magnetresonanz, biomechanische Tests und subjektive Schmerzskalen kommen zum Einsatz, deren Ergebnisse nicht immer direkt vergleichbar sind.

Ein weiteres methodisches Problem betrifft die Kontrollgruppen. Nicht alle Studien verwendeten echte Kontrollgruppen ohne jegliche Intervention. Manche verglichen verschiedene Dehnungsmethoden miteinander, was die Interpretation der Effektstärken erschwert. Die Definition von “normaler” versus “eingeschränkter” Beweglichkeit variierte ebenfalls zwischen den Studien.

Schließlich können Meta-Analysen nur so gut sein wie die eingeschlossenen Originalstudien. Publikationsbias – die Tendenz, eher positive als negative Ergebnisse zu veröffentlichen – könnte die Effekte systematisch überschätzen, auch wenn die Forscher statistische Tests durchführten, um dies zu überprüfen.

Was bedeutet das für Sie?

Die Erkenntnisse dieser umfassenden Analyse haben praktische Konsequenzen für alle, die Dehnen in ihr Training oder ihre Therapie integrieren möchten. Zunächst bestätigen die Ergebnisse, dass sowohl einmaliges als auch regelmäßiges Dehnen tatsächlich die Beweglichkeit verbessert – aber über unterschiedliche Mechanismen.

Für akute Verbesserungen der Beweglichkeit, beispielsweise vor einer Sporteinheit oder nach langem Sitzen, sollten Sie moderate bis hohe Dehnungsintensitäten wählen. “Moderat” bedeutet dabei, dass Sie eine deutliche Spannung spüren, aber keinen Schmerz. Die Studie zeigt, dass zu sanftes Dehnen weniger effektiv ist. Besonders profitieren Menschen mit normaler Grundbeweglichkeit von gelegentlichem intensiverem Dehnen.

Für langfristige Verbesserungen der Beweglichkeit ist Regelmäßigkeit wichtiger als Intensität. Die gute Nachricht: Sie müssen sich nicht quälen. Selbst moderates, regelmäßiges Dehnen führt zu Anpassungen des Nervensystems, die größere Bewegungsausschläge erlauben. Diese neurologischen Anpassungen entwickeln sich über Wochen und Monate, unabhängig davon, wie intensiv Sie in der einzelnen Einheit dehnen.

Die Erkenntnis, dass Dehnen die Muskeln nicht strukturell verlängert, hat ebenfalls praktische Relevanz. Sie müssen nicht befürchten, durch Dehnen “instabil” zu werden oder an Kraft zu verlieren. Die verbesserte Beweglichkeit entsteht hauptsächlich durch reduzierte Steifigkeit und erhöhte Toleranz gegenüber Dehnungsreizen.

Für die Trainingsplanung bedeutet dies: Akutes Dehnen kann durchaus Teil des Aufwärmens sein, sollte aber nicht übertrieben werden. Für dauerhafte Beweglichkeitsverbesserungen integrieren Sie regelmäßige, moderate Dehnungseinheiten in Ihren Wochenplan. Dabei ist Konstanz wichtiger als gelegentliche intensive Sessions.

Wissenschaftlicher Ausblick

Diese Meta-Analyse beantwortet wichtige Fragen zu den Mechanismen des Dehnens, wirft aber gleichzeitig neue Forschungsfragen auf. Besonders interessant wäre die Untersuchung der zeitlichen Dynamik der verschiedenen Anpassungsprozesse. Wie schnell entwickeln sich die neurologischen Anpassungen? Gibt es optimale Zeitfenster für verschiedene Dehnungsinterventionen?

Die Rolle individueller Unterschiede verdient ebenfalls weitere Aufmerksamkeit. Warum profitieren Menschen mit normaler Beweglichkeit mehr von akutem Dehnen als solche mit Einschränkungen? Gibt es genetische oder andere biologische Faktoren, die die Reaktion auf Dehnungsinterventionen beeinflussen?

Zukünftige Studien sollten auch die Langzeiteffekte verschiedener Dehnungsmethoden untersuchen. Die meisten bisher analy

Quelle

Diese Zusammenfassung basiert auf: Mechanisms Underlying Range of Motion Improvements Following Acute and Chronic Static Stretching: A Systematic Review, Meta-analysis and Multivariate Meta-regression., veröffentlicht in Sports medicine (Auckland, N.Z.) (2025).

→ Originalstudie auf PubMed (PMID: 40180774)