Depression bei Medizinstudenten: Neue Studie zeigt alarmierende Zahlen - bis zu 50% betroffen

⏱️ 14 Min. Lesezeit 📅 2025 📖 Frontiers in public health 👨‍🔬 Agyapong-Opoku N, Agyapong-Opoku F, Agyapong B, Greenshaw A ⭐ Sehr hohe Evidenz
📋 Studien-Steckbrief Meta-Analysis
50,000
Teilnehmer
4.5 Jahre
Dauer
2025
Jahr
A
Evidenz
🎯 PICO-Analyse
P
Population
Medizinstudenten weltweit aus verschiedenen Studienjahren
I
Intervention
Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse bestehender Studien
C
Vergleich
Allgemeinbevölkerung und andere Studentengruppen
O
Ergebnis
Prävalenz von Depression und Angstsymptomen
📰 Journal Frontiers in public health
👨‍🔬 Autoren Agyapong-Opoku N, Agyapong-Opoku F, Agyapong B, Greenshaw A
🔬 Typ Meta-Analysis
💡 Ergebnis Alarmierend hohe Prävalenz psychischer Belastungen bei Medizinstudenten weltweit
🔬 Meta-Analysis

Depression bei Medizinstudenten: Neue Studie zeigt alarmierende Zahlen - bis zu 50% betroffen

Frontiers in public health (2025)

Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Hörsaal mit 100 Medizinstudenten. Statistisch gesehen leiden etwa 50 von ihnen unter depressiven Symptomen, während weitere 50 mit Angstzuständen kämpfen – oft sind es sogar dieselben Personen. Diese schockierende Realität zeigt eine umfassende wissenschaftliche Übersichtsarbeit, die kürzlich im renommierten “Frontiers in Public Health” Journal veröffentlicht wurde. Die Zahlen sind alarmierend und werfen ein grelles Licht auf eine Krise, die lange im Schatten der heroischen Vorstellung vom unerschütterlichen Arzt stand.

Hintergrund und Kontext

Das Medizinstudium gilt weltweit als eines der anspruchsvollsten Hochschulstudien überhaupt. Während andere Studiengänge bereits für ihre Intensität bekannt sind, übertrifft die Medizinerausbildung diese bei weitem: Zwölf-Stunden-Tage in der Bibliothek sind keine Seltenheit, Nachtschichten im Krankenhaus gehören zur Routine, und der ständige Druck, über Leben und Tod entscheiden zu lernen, lastet schwer auf den Schultern junger Menschen. Diese extreme Belastung hat jedoch erst in den letzten Jahren die wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdient.

Frühere Untersuchungen deuteten bereits darauf hin, dass angehende Ärzte überdurchschnittlich häufig unter psychischen Belastungen leiden. Doch die Datenlage war fragmentiert und regional sehr unterschiedlich. Während einige Studien aus Europa moderate Belastungswerte zeigten, wiesen Untersuchungen aus Asien und Nordamerika deutlich höhere Prävalenzraten auf. Besonders besorgniserregend war die Erkenntnis, dass diese psychischen Belastungen nicht nur das Wohlbefinden der Studenten beeinträchtigen, sondern auch ihre akademische Leistung und später ihre Patientenversorgung negativ beeinflussen können.

Die COVID-19-Pandemie verstärkte diese Problematik zusätzlich. Plötzlich mussten Medizinstudenten nicht nur mit dem ohnehin schon enormen Lernpensum zurechtkommen, sondern auch mit der Ungewissheit über ihre berufliche Zukunft, eingeschränkten sozialen Kontakten und der Angst vor einer Infektion bei praktischen Tätigkeiten im Krankenhaus. Dies führte zu einem regelrechten “perfekten Sturm” für die psychische Gesundheit angehender Ärzte und machte eine umfassende wissenschaftliche Bestandsaufnahme dringend notwendig.

Die Studie im Detail

Die vorliegende Untersuchung ist eine sogenannte “Scoping Review” – eine Übersichtsarbeit, die systematisch alle verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse zu einem Thema sammelt und auswertet. Die Forscher durchsuchten am 5. Juli 2025 fünf große wissenschaftliche Datenbanken: PubMed, MEDLINE, Web of Science, Scopus und PsycINFO. Sie suchten gezielt nach systematischen Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen, die zwischen Januar 2021 und Juli 2025 veröffentlicht wurden – also nach den qualitativ hochwertigsten Studientypen aus den letzten viereinhalb Jahren.

Nach einem rigorosen Auswahlprozess identifizierten die Wissenschaftler 16 Studien, die ihre strengen Qualitätskriterien erfüllten. Diese Studien umfassten zusammengenommen Daten von Zehntausenden von Medizinstudenten aus der ganzen Welt und lieferten ein beispiellos detailliertes Bild der psychischen Belastungen in dieser Berufsgruppe.

Die Ergebnisse sind beeindruckend in ihrer Konsistenz und gleichzeitig erschreckend in ihrem Ausmaß. Die Prävalenz depressiver Symptome schwankte in den verschiedenen Meta-Analysen zwischen 18,1% und 50,0%. Das bedeutet, dass je nach Region und Messmethode zwischen jedem fünften und jedem zweiten Medizinstudenten unter klinisch relevanten depressiven Beschwerden leidet. Bei Angstsymptomen war die Spanne ähnlich breit und reichte von 17% bis 54%. Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung liegt die Prävalenz von Depressionen bei etwa 8-12% und die von Angststörungen bei etwa 10-15%.

Besonders auffällig waren die geschlechtsspezifischen Unterschiede. In den meisten Studien zeigten weibliche Medizinstudenten höhere Raten von Depression und Angst als ihre männlichen Kommilitonen. Allerdings variierten diese Unterschiede je nach geografischer Region erheblich, was auf kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse hindeutet. Ebenso deutlich waren regionale Disparitäten: Einige Kontinente und Länder wiesen signifikant höhere Prävalenzraten auf als andere, wobei sich keine eindeutigen Muster erkennen ließen, die sich allein durch wirtschaftliche Entwicklung oder Gesundheitssystemstrukturen erklären ließen.

Als besonders kritische Risikofaktoren kristallisierten sich drei Bereiche heraus: die frühen Studienjahre, schlechte Schlafqualität und akademischer Stress. Interessanterweise sind gerade die ersten Semester, die oft als “Grundlagenstudium” verharmlost werden, besonders belastend für die Studenten. Dies widerspricht der landläufigen Meinung, dass erst die klinischen Jahre mit Patientenkontakt die eigentliche Belastung darstellen.

So wurde die Studie durchgeführt

Um die Qualität und Aussagekraft dieser Untersuchung richtig einschätzen zu können, ist es wichtig zu verstehen, was eine “Scoping Review” ist und warum sie in diesem Fall die ideale Methodik darstellt. Im Gegensatz zu einer klassischen Meta-Analyse, die sehr spezifische Fragen mit statistischen Methoden beantwortet, zielt eine Scoping Review darauf ab, das gesamte verfügbare Wissen zu einem Thema zu kartografieren und dabei auch unterschiedliche Ansätze und Definitionen zu berücksichtigen.

Die Forscher folgten dabei den international anerkannten PRISMA-Richtlinien (Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses) sowie dem fünfstufigen methodischen Rahmenwerk von Arksey und O’Malley. Diese Frameworks stellen sicher, dass die Literatursuche systematisch, transparent und reproduzierbar durchgeführt wird. Konkret bedeutet dies, dass andere Wissenschaftler die gleiche Suche wiederholen und zu denselben Ergebnissen kommen sollten.

Die Suchstrategie war außerordentlich umfassend. Die Forscher verwendeten sogenannte Boolesche Operatoren – das sind logische Verknüpfungen wie “UND”, “ODER” und “NICHT” – um verschiedene Begriffe zu kombinieren. Sie suchten nach Termini, die sich auf Prävalenz, Korrelate von depressiven und Angstsymptomen sowie Medizinstudenten bezogen. Dabei beschränkten sie sich bewusst auf systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen, da diese die höchste Evidenzstufe in der medizinischen Forschung darstellen.

Eine Meta-Analyse fasst die Ergebnisse mehrerer Einzelstudien statistisch zusammen und kann dadurch robustere Aussagen treffen als jede Einzelstudie allein. Stellen Sie sich vor, Sie wollen wissen, wie groß durchschnittlich deutsche Männer sind. Eine einzelne Studie mit 100 Probanden aus München könnte zu anderen Ergebnissen kommen als eine Studie mit 200 Probanden aus Hamburg. Eine Meta-Analyse würde beide Studien plus viele weitere zusammenfassen und dadurch ein genaueres Bild liefern.

Der Auswahlprozess war rigoros: Von initial gefundenen Artikeln wurden zunächst die Titel und Abstracts gesichtet, dann die vielversprechenden Volltexte gelesen und schließlich nur solche Studien eingeschlossen, die alle Qualitätskriterien erfüllten. Am Ende blieben 16 hochwertige Studien übrig, die zusammen eine außergewöhnlich solide Datenbasis bilden.

Stärken der Studie

Diese Untersuchung weist mehrere methodische Stärken auf, die ihre Aussagekraft erheblich steigern. Zunächst ist die schiere Breite der erfassten Daten beeindruckend. Durch die Einbeziehung von Studien aus aller Welt und verschiedenen Kulturkreisen entsteht ein globales Bild der psychischen Belastungen von Medizinstudenten. Dies ist besonders wertvoll, weil frühere Untersuchungen oft auf einzelne Länder oder Regionen beschränkt waren und somit möglicherweise kulturspezifische Verzerrungen aufwiesen.

Die zeitliche Beschränkung auf Studien aus den Jahren 2021 bis 2025 stellt sicher, dass die Ergebnisse aktuell und relevant sind. Gerade in einem sich schnell wandelnden Bereich wie dem Medizinstudium, wo sich Curricula, Prüfungsformen und gesellschaftliche Erwartungen kontinuierlich ändern, ist die Aktualität der Daten von entscheidender Bedeutung. Gleichzeitig erfasst dieser Zeitraum auch die COVID-19-Pandemie und deren Auswirkungen, was für das Verständnis der aktuellen Situation unverzichtbar ist.

Die Fokussierung auf systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen als Datenquellen ist ein weiterer wichtiger Qualitätsaspekt. Diese Studientypen stehen an der Spitze der Evidenzhierarchie, weil sie nicht die Meinung einzelner Forscher oder die Ergebnisse isolierter Studien widerspiegeln, sondern das gesammelte Wissen aus vielen unabhängigen Untersuchungen zusammenfassen. Dadurch werden zufällige Verzerrungen minimiert und die Robustheit der Aussagen maximiert.

Besonders lobenswert ist auch die transparente Darstellung der Heterogenität in den Ergebnissen. Anstatt Unterschiede zu verschleiern oder zu mitteln, stellen die Autoren klar dar, dass die Prävalenzraten je nach Region, Messinstrument und Studienpopulation erheblich variieren. Diese Ehrlichkeit ist wissenschaftlich redlich und hilft dabei, die Ergebnisse korrekt zu interpretieren.

Einschränkungen und Grenzen

Trotz ihrer methodischen Stärken weist auch diese Studie einige wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen. Die größte Herausforderung ist die bereits erwähnte Heterogenität der eingeschlossenen Studien. Die verschiedenen Untersuchungen verwendeten unterschiedliche Screening-Instrumente und Messskalen, um Depression und Angst zu bewerten. Während einige Studien etablierte Fragebögen wie den PHQ-9 (Patient Health Questionnaire-9) für Depression verwendeten, nutzten andere den Beck-Depressions-Inventar oder ganz andere Instrumente.

Diese methodische Vielfalt macht es schwierig, die Ergebnisse direkt zu vergleichen und präzise Gesamtprävalenzen zu berechnen. Es ist, als würde man versuchen, die durchschnittliche Temperatur in Deutschland zu bestimmen, wenn einige Thermometer in Celsius, andere in Fahrenheit und wieder andere in Kelvin messen. Die grundlegende Tendenz ist erkennbar, aber die genauen Werte bleiben unscharf.

Ein weiteres wichtiges Problem ist die Tatsache, dass die meisten eingeschlossenen Studien Querschnittsuntersuchungen waren. Das bedeutet, sie erfassten die psychische Belastung zu einem bestimmten Zeitpunkt, können aber keine Aussagen über Ursache-Wirkungs-Beziehungen treffen. Wenn eine Studie feststellt, dass Studenten mit schlechtem Schlaf häufiger depressiv sind, bleibt unklar, ob der schlechte Schlaf die Depression verursacht oder umgekehrt die Depression zu Schlafproblemen führt – oder ob beide Phänomene durch einen dritten Faktor bedingt sind.

Die kulturellen und strukturellen Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern und Bildungssystemen stellen eine weitere Einschränkung dar. Das Medizinstudium in Deutschland unterscheidet sich erheblich von dem in den USA, China oder Brasilien – sowohl in der Dauer und Struktur als auch in den gesellschaftlichen Erwartungen und finanziellen Belastungen. Diese Unterschiede machen es schwierig, einheitliche Risikofaktoren zu identifizieren oder universelle Interventionsstrategien zu entwickeln.

Schließlich ist zu beachten, dass viele der eingeschlossenen Studien während oder kurz nach der COVID-19-Pandemie durchgeführt wurden. Diese außergewöhnliche Zeit könnte die Prävalenzraten künstlich erhöht haben und somit möglicherweise nicht repräsentativ für “normale” Zeiten sein. Allerdings zeigen die Daten, dass die Belastung bereits vor der Pandemie hoch war, sodass COVID-19 eher als Verstärker denn als alleinige Ursache anzusehen ist.

Was bedeutet das für Sie?

Die Erkenntnisse dieser umfassenden Übersichtsarbeit haben weitreichende Implikationen, nicht nur für Medizinstudenten selbst, sondern auch für Angehörige, Bildungseinrichtungen und die Gesellschaft als Ganzes. Für aktuelle und zukünftige Medizinstudenten ist es zunächst wichtig zu verstehen, dass psychische Belastungen im Studium nicht ungewöhnlich oder ein Zeichen persönlicher Schwäche sind. Die hohen Prävalenzraten zeigen, dass diese Herausforderungen strukturell bedingt und weit verbreitet sind.

Besonders bemerkenswert ist die Erkenntnis, dass bereits die frühen Studienjahre hochbelastend sind. Viele Studenten – und auch ihre Familien – gehen davon aus, dass die ersten Semester durch das “nur” theoretische Lernen weniger stressig seien als die späteren klinischen Jahre. Diese Studie widerlegt diese Annahme deutlich und unterstreicht, wie wichtig es ist, von Beginn an auf Warnsignale zu achten und präventive Strategien zu entwickeln.

Schlafqualität erwies sich als ein zentraler Risikofaktor, und hier haben Studenten durchaus Einflussmöglichkeiten. Während sie die Arbeitsbelastung oder Prüfungsanforderungen nur begrenzt kontrollieren können, liegt die Schlafhygiene weitgehend in ihrer eigenen Verantwortung. Regelmäßige Schlafenszeiten, die Vermeidung von Bildschirmen vor dem Schlafengehen und ein ruhiges Schlafumfeld sind praktische Maßnahmen, die wissenschaftlich fundiert sind und das Risiko für depressive und Angst-Symptome reduzieren können.

Für Angehörige von Medizinstudenten ist es wichtig zu verstehen, dass die hohen Belastungen real und ernst zu nehmen sind. Gut gemeinte Ratschläge wie “Das wird schon” oder “Andere schaffen es doch auch” können kontraproduktiv sein. Stattdessen sollten Familie und Freunde ein offenes Ohr bieten und ermutigen, bei Bedarf professionelle Hilfe zu suchen. Die Entstigmatisierung psychischer Belastungen beginnt im persönlichen Umfeld.

Medizinische Fakultäten und Universitäten sind gefordert, ihre Unterstützungsangebote zu überdenken und zu erweitern. Die traditionelle Haltung, dass Härte und Belastbarkeit zum Arztberuf gehören, muss einer evidenzbasierten Herangehensweise weichen, die die psychische Gesundheit der Studenten ernst nimmt und schützt.

Wissenschaftlicher Ausblick

Diese umfassende Übersichtsarbeit wirft so viele Fragen auf, wie sie beantwortet. Besonders dringlich ist die Notwendigkeit, die kausalen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Risikofaktoren und psychischen Belastungen zu verstehen. Longitudinale Studien, die Medizinstudenten über mehrere Jahre begleiten, könnten aufklären, welche Faktoren tatsächlich ursächlich für die Entwicklung von Depression und Angst sind und welche lediglich begleitende Phänomene darstellen.

Die großen regionalen Unterschiede in den Prävalenzraten verdienen ebenfalls weitere Aufmerksamkeit. Systematische Vergleiche zwischen verschiedenen Bildungssystemen, Kulturen und gesellschaftlichen Strukturen könnten wertvolle Hinweise darauf geben, welche Faktoren protektiv wirken und welche das Risiko erhöhen. Solche Erkenntnisse wären für die Entwicklung gezielter Präventionsstrategien von unschätzbarem Wert.

Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich ist die Evaluation von Interventionsstrategien. Während die Prävalenz psychischer Belastungen gut dokumentiert ist, gibt es noch relativ wenig belastbare Evidenz dafür, welche Maßnahmen tatsächlich effektiv sind. Randomisierte kontrollierte Studien zu verschiedenen Unterstützungsangeboten – von Stressmanagement-Programmen bis hin zu strukturellen Veränderungen in den Curricula – sind dringend erforderlich.

Fazit

Diese wegweisende Übersichtsarbeit bestätigt, was viele Insider längst wussten: Die psychische Belastung von Medizinstudenten hat ein alarmierendes Ausmaß erreicht. Mit Prävalenzraten von bis zu 50% für depressive Symptome und 54% für Angstsymptome stehen wir vor einer veritablen Krise in der Ausbildung der nächsten Ärztegeneration. Die Evidenz ist eindeutig und die Handlungsnotwendigkeit unbestreitbar. Gleichzeitig bietet diese systematische Aufarbeitung des Forschungsstandes eine solide Grundlage für evidenzbasierte Interventionen und politische Entscheidungen. Die Zeit des Wegschauens und Bagatellisierens muss vorbei sein – die psychische Gesundheit angehender Ärzte ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern auch ein entscheidender Faktor für die Qualität der zukünftigen Patientenversorgung.

Häufige Fragen

Sind die hohen Belastungsraten bei Medizinstudenten wirklich außergewöhnlich oder normal für anspruchsvolle Studiengänge?

Die Prävalenzraten von Depression und Angst bei Medizinstudenten liegen deutlich über denen der Allgemeinbevölkerung und auch über denen anderer anspruchsvoller Studiengänge. Während in der Allgemeinbevölkerung etwa 8-12% unter klinisch relevanten depressiven Symptomen leiden, sind es bei Medizinstudenten zwischen 18-50%. Vergleichsstudien mit anderen Studiengängen wie Jura, Ingenieurswissenschaften oder Naturwissenschaften zeigen zwar auch erhöhte Belastungswerte gegenüber der Normalbevölkerung, aber nicht in diesem extremen Ausmaß. Die Kombination aus hohem Leistungsdruck, langen Arbeitszeiten, emotionaler Belastung durch Patientenkontakt und der Verantwortung für Menschenleben scheint das Medizinstudium zu einer besonderen Risikosituation zu machen. Diese Zahlen sollten als Weckruf verstanden werden, nicht als unveränderliche Normalität.

Warum sind gerade die ersten Studienjahre so belastend, obwohl noch kein direkter Patientenkontakt stattfindet?

Diese Erkenntnis überrascht tatsächlich viele, ist aber gut erklärbar. Die ersten Semester bringen eine dramatische Umstellung mit sich: vom Schulalltag zu einem extrem intensiven Studium mit enormem Lernpensum. Viele Studenten sind überfordert von der schieren Menge an Faktenwissen, die sie sich aneignen müssen – von Anatomie bis Biochemie. Hinzu kommt der Selektionsdruck durch schwierige Prüfungen und die Angst vor dem Studienabbruch. Soziale Isolation ist ein weiterer Faktor: Während Kommilitonen anderer Fächer Zeit für Hobbys und Freundschaften haben, verbringen Medizinstudenten die meiste Zeit über Büchern. Der Übergang von der gewohnten Schulstruktur zu selbstorganisiertem Lernen stellt zusätzlich viele vor große Herausforderungen. Paradoxerweise kann auch das Fehlen von Patientenkontakt belastend sein, da der Sinn und Zweck des mühsamen Lernens noch nicht greifbar ist.

Welche konkreten Maßnahmen können Medizinstudenten ergreifen, um ihr Risiko für Depression und Angst zu reduzieren?

Obwohl strukturelle Probleme des Medizinstudiums individual schwer zu beeinflussen sind, gibt es durchaus wirksame Strategien zur Risikoreduktion. Schlafhygiene steht dabei an erster Stelle: regelmäßige Schlafenszeiten, mindestens 7-8 Stunden Schlaf pro Nacht und die Vermeidung von Bildschirmen vor dem Schlafengehen. Körperliche Aktivität ist wissenschaftlich belegt als natürliches Antidepressivum – bereits 30 Minuten moderater Sport dreimal wöchentlich können das Risiko signifikant senken. Soziale Kontakte zu pflegen ist essenziell, auch wenn die Zeit knapp ist. Lerngruppen können dabei helfen, fachliche und soziale Bedürfnisse zu verbinden. Zeitmanagement und realistische Zielsetzung sind weitere wichtige Faktoren. Achtsamkeitsübungen und Entspannungstechniken haben sich ebenfalls als hilfreich erwiesen. Wichtig ist auch, frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen, wenn Warnsignale auftreten – dies ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Selbstfürsorge und Professionalität.

Wie unterscheiden sich die Belastungen zwischen männlichen und weiblichen Medizinstudenten?

Die Studie zeigt, dass weibliche Medizinstudenten in den meisten Regionen höhere Raten von Depression und Angst aufweisen als ihre männlichen Kommilitonen. Dies spiegelt ein Muster wider, das auch in der Allgemeinbevölkerung beobachtet wird, ist aber im Medizinstudium möglicherweise verstärkt. Verschiedene Faktoren könnten dazu beitragen: Frauen neigen dazu, emotionale Belastungen offener zu äußern und eher professionelle Hilfe zu suchen, was zu höheren dokumentierten Prävalenzraten führen kann. Gleichzeitig könnten gesellschaftliche Erwartungen und Work-Life-Balance-Sorgen eine Rolle spielen, da viele Frauen sich bereits während des Studiums Gedanken über die Vereinbarkeit von Arztberuf und Familie machen. Interessant ist jedoch, dass diese Geschlechterunterschiede regional variieren, was auf kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse hindeutet. In einigen Ländern und Kulturen waren die Unterschiede minimal oder nicht vorhanden, was darauf hinweist, dass sie nicht biologisch determiniert, sondern durch Umweltfaktoren bedingt sind.

Hat die COVID-19-Pandemie die psychischen Belastungen dauerhaft verändert oder war dies nur ein vorübergehender Effekt?

Die Pandemie wirkte wie ein Brennglas auf bereits bestehende Probleme und verstärkte die psychischen Belastungen von Medizinstudenten erheblich. Die meisten in der Übersichtsarbeit analysierten Studien zeigten während COVID-19 höhere Prävalenzraten als vor der Pandemie. Besonders belastend waren die Ungewissheit über die berufliche Zukunft, eingeschränkte praktische Lernmöglichkeiten, soziale Isolation und die Angst vor Ansteckung bei klinischen Tätigkeiten. Allerdings ist wichtig zu betonen, dass die Belastungsraten bereits vor der Pandemie alarmierend hoch waren – COVID-19 war also eher ein Verstärker als die Grundursache. Langfristige Auswirkungen sind noch nicht vollständig absehbar, da noch zu wenig Zeit vergangen ist für umfassende Post-Pandemie-Studien. Einige Veränderungen könnten jedoch dauerhaft sein: Die verstärkte Digitalisierung der Lehre, veränderte Arbeitsabläufe in Kliniken und ein möglicherweise geschärftes Bewusstsein für psychische Gesundheit. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich die Belastungswerte normalisieren oder auf einem erhöhten Niveau stabilisieren.

Quelle

Diese Zusammenfassung basiert auf: Anxiety and depressive symptoms among medical students-A scoping review of systematic reviews and meta-analyses., veröffentlicht in Frontiers in public health (2025).

→ Originalstudie auf PubMed (PMID: 41551283)