Folsäure: Mega-Analyse bestätigt Schutzwirkung gegen Blutarmut und Neuralrohrdefekte

⏱️ 13 Min. Lesezeit 📅 2026 📖 Journal of global health 👨‍🔬 Yoo S, Montazeri A, Bennett D, Bo Y, Chen P et al. ⭐ Sehr hohe Evidenz
📋 Studien-Steckbrief Systematic Review
500,000
Teilnehmer
2026
Jahr
A
Evidenz
🎯 PICO-Analyse
P
Population
Schwangere Frauen und Frauen im gebärfähigen Alter
I
Intervention
Folsäure-Supplementierung während der Schwangerschaft
C
Vergleich
Keine Supplementierung oder Placebo
O
Ergebnis
Megaloblastische Anämie und Neuralrohrdefekte
📰 Journal Journal of global health
👨‍🔬 Autoren Yoo S, Montazeri A, Bennett D, Bo Y, Chen P et al.
💡 Ergebnis Folsäure-Supplementierung reduziert das Risiko für megaloblastische Anämie um 79% und bietet starken Schutz vor Neuralrohrdefekten
🔬 Systematic Review

Folsäure: Mega-Analyse bestätigt Schutzwirkung gegen Blutarmut und Neuralrohrdefekte

Journal of global health (2026)

Können winzige Mengen eines einzigen Vitamins verhindern, dass Babys mit schweren Fehlbildungen zur Welt kommen? Und weshalb leiden weltweit noch immer Millionen von Frauen an einer Form der Blutarmut, die sich mit einem einfachen Nahrungsergänzungsmittel verhindern ließe? Eine neue wissenschaftliche Mammut-Analyse hat diese Fragen untersucht und dabei Erkenntnisse aus 283 Studien zusammengetragen – mit eindeutigen Ergebnissen, die das Leben von Millionen Menschen verändern könnten.

Hintergrund und Kontext

Folsäure, auch als Folat oder Vitamin B9 bezeichnet, gehört zu den wasserlöslichen B-Vitaminen und spielt eine entscheidende Rolle in unserem Körper. Während der Begriff “Folat” die natürlich vorkommende Form in Lebensmitteln wie grünem Blattgemüse, Hülsenfrüchten und Leber bezeichnet, ist “Folsäure” die synthetisch hergestellte Form, die in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln verwendet wird. Beide Formen werden im Körper zu aktiven Folat-Verbindungen umgewandelt, die als Coenzyme bei der DNA-Synthese und Zellteilung unverzichtbar sind.

Die Geschichte der Folsäure-Forschung begann bereits in den 1930er Jahren, als Wissenschaftler eine besondere Form der Blutarmut untersuchten, bei der die roten Blutkörperchen ungewöhnlich groß und unreif waren – die sogenannte megaloblastische Anämie. Diese Erkrankung tritt auf, wenn die DNA-Synthese gestört ist und sich Zellen nicht normal teilen können. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen bei sich schnell teilenden Zellen wie Blutzellen oder während der Embryonalentwicklung.

Ein weiterer Durchbruch gelang in den 1990er Jahren, als Forscher den Zusammenhang zwischen Folsäure-Mangel und Neuralrohrdefekten erkannten. Neuralrohrdefekte entstehen in den ersten Wochen der Schwangerschaft, wenn sich das Neuralrohr – die Vorstufe von Gehirn und Rückenmark – nicht vollständig schließt. Die bekannteste Form ist Spina bifida, bei der Teile des Rückenmarks ungeschützt bleiben. Diese Erkenntnisse führten zu Empfehlungen für eine Folsäure-Supplementierung vor und während der Schwangerschaft sowie zur Anreicherung von Grundnahrungsmitteln in vielen Ländern.

Trotz dieser Erfolge ist das Wissen über Folsäure fragmentiert geblieben. Während die Wirkung bei bestimmten Erkrankungen gut belegt ist, fehlt für viele andere potenzielle Gesundheitseffekte eine systematische Bewertung der Evidenz. Genau hier setzt die neue Umbrella Review an – eine wissenschaftliche Methode, die das Beste aus beiden Welten kombiniert: die Gründlichkeit einer systematischen Übersichtsarbeit mit der Breite einer umfassenden Literaturschau.

Die Studie im Detail

Die vorliegende Studie ist der erste Teil einer umfangreichen Umbrella Review-Serie, die von einem internationalen Forscherteam durchgeführt wurde. Bei einer Umbrella Review handelt es sich um eine “Übersicht über Übersichten” – die Wissenschaftler durchsuchten systematisch die medizinische Fachliteratur nach bereits veröffentlichten systematischen Reviews und Meta-Analysen zum Thema Folsäure. Dieser Ansatz ermöglicht es, die gesamte verfügbare Evidenz zu einem Thema zu erfassen und zu bewerten, ohne selbst neue Primärstudien durchführen zu müssen.

Die Forscher durchkämmten fünf große medizinische Datenbanken – MEDLINE, Embase, CINAHL, die Cochrane Library und DARE – von deren Gründung bis Februar 2024. Ihre Suche umfasste alle systematischen Reviews, die einen Zusammenhang zwischen Folsäure-Aufnahme oder Folsäure-Status und irgendeinem Gesundheitsergebnis untersuchten. Aus insgesamt 3.565 gefundenen Studien wählten sie nach strengen Kriterien 283 für die finale Analyse aus.

Besonders beeindruckend ist die methodische Sorgfalt: Alle Studien wurden von zwei unabhängigen Forschern beurteilt, um Fehler zu minimieren. Die Qualität der eingeschlossenen Reviews wurde mit dem ROBIS-Tool bewertet, einem standardisierten Instrument zur Risikobewertung bei systematischen Übersichtsarbeiten. Anschließend kategorisierten die Wissenschaftler alle Befunde in sogenannte “unique associations” – einzigartige Kombinationen aus Expositionsmaß (z.B. Folsäure-Supplementierung), Outcome (z.B. Anämie) und Studienpopulation.

Die Ergebnisse zu Anämie basieren auf vier Interventionsstudien, die die Wirksamkeit einer Folsäure-Supplementierung während der Schwangerschaft untersuchten. Diese Studien zeigten eine beeindruckende Reduktion des Risikos für megaloblastische Anämie: Das relative Risiko betrug nur 0,21 (95% Konfidenzintervall: 0,11 bis 0,38). In konkreten Zahlen bedeutet dies, dass Schwangere, die Folsäure supplementierten, ein um etwa 79 Prozent niedrigeres Risiko für diese Form der Blutarmut hatten. Der I²-Wert von unter 50 Prozent deutet darauf hin, dass die Studien konsistente Ergebnisse lieferten.

Für Neuralrohrdefekte fanden die Forscher sogar noch stärkere Belege. Hier konnten sie auf eine größere Datenbasis zurückgreifen, die sowohl Interventionsstudien als auch Beobachtungsstudien umfasste. Die Evidenz zeigt durchgängig, dass eine adequate Folsäure-Versorgung vor und in der frühen Schwangerschaft das Risiko für Neuralrohrdefekte erheblich senkt. Besonders wichtig ist dabei der Zeitpunkt: Da sich das Neuralrohr bereits in den ersten 28 Tagen nach der Empfängnis schließt – oft bevor eine Frau überhaupt weiß, dass sie schwanger ist –, muss die Folsäure-Versorgung bereits vor der Empfängnis optimal sein.

So wurde die Studie durchgeführt

Eine Umbrella Review ist eine relativ neue, aber sehr mächtige Forschungsmethode, die man sich wie eine “Meta-Meta-Analyse” vorstellen kann. Während eine normale systematische Übersichtsarbeit einzelne Originalstudien zusammenfasst, sammelt eine Umbrella Review bereits existierende systematische Reviews und Meta-Analysen. Dies hat mehrere Vorteile: Sie bietet einen umfassenden Überblick über ein breites Forschungsfeld, nutzt die bereits geleistete Qualitätsarbeit anderer Forscher und kann Muster und Widersprüche zwischen verschiedenen Reviews aufdecken.

Der erste Schritt bestand in einer umfassenden Literatursuche. Die Forscher entwickelten eine detaillierte Suchstrategie mit spezifischen Suchbegriff-Kombinationen für Folsäure, verschiedene Gesundheitsoutcomes und Studientypen. Die Suche war bewusst breit angelegt, um keine relevanten Studien zu übersehen. Begriffe wie “folic acid”, “folate”, “meta-analysis”, “systematic review” wurden in verschiedenen Kombinationen verwendet.

Nach der Suche folgte ein mehrstufiger Auswahlprozess. Zunächst prüften zwei Forscher unabhängig voneinander Titel und Abstracts aller gefundenen Studien. Studien, die offensichtlich nicht relevant waren, wurden ausgeschlossen. Anschließend lasen sie die Volltexte der verbliebenen Studien und wendeten strenge Einschlusskriterien an: Die Studien mussten systematische Reviews mit oder ohne Meta-Analyse sein, Folsäure als Exposition untersuchen und ein klar definiertes Gesundheitsergebnis messen.

Ein besonders innovativer Aspekt war die Kategorisierung in “unique associations”. Die Forscher erkannten, dass verschiedene Reviews oft ähnliche, aber nicht identische Fragestellungen untersuchten. Ein Review könnte beispielsweise Folsäure-Supplementierung bei Schwangeren untersuchen, während ein anderer die Folsäure-Aufnahme über die Nahrung bei der allgemeinen Bevölkerung betrachtet. Durch die Kategorisierung in einzigartige Exposition-Outcome-Setting-Kombinationen konnten sie vermeiden, verschiedene Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Für jede Kategorie identifizierten die Forscher dann die beste verfügbare Evidenz basierend auf drei Kriterien: statistischer Power (Größe der Studienpopulation), Aktualität der Publikation und potenziellem Bias-Risiko. Schließlich bewerteten sie die Glaubwürdigkeit jeder unique association anhand vordefinierter Kriterien, die Faktoren wie Konsistenz der Ergebnisse, Größe des Effekts und biologische Plausibilität berücksichtigten.

Stärken der Studie

Diese Umbrella Review zeichnet sich durch mehrere methodische Stärken aus, die sie zu einer besonders verlässlichen Evidenzquelle machen. Zunächst ist der schiere Umfang beeindruckend: 283 systematische Reviews aus über 3.500 ursprünglich identifizierten Studien zu analysieren, stellt eine Mammutaufgabe dar, die nur durch ein erfahrenes Forscherteam bewältigt werden kann. Diese Breite der Datenbasis bedeutet, dass praktisch keine relevante Forschung zu Folsäure und Gesundheit übersehen wurde.

Besonders hervorzuheben ist die methodische Sorgfalt bei der Qualitätsbewertung. Die Verwendung des ROBIS-Tools zur Bewertung des Bias-Risikos in systematischen Reviews ist ein Goldstandard in der evidenzbasierten Medizin. Dieses Instrument bewertet verschiedene Aspekte wie die Angemessenheit der Studienselektion, die Vollständigkeit der Datenextraktion und die Angemessenheit der statistischen Methoden. Dass die Forscher diese Bewertung konsequent auf alle 283 eingeschlossenen Reviews angewendet haben, unterstreicht die Zuverlässigkeit ihrer Schlussfolgerungen.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Transparenz der Methodik. Die Studie wurde im PROSPERO-Register vorab registriert (CRD42021265041), was bedeutet, dass das methodische Vorgehen öffentlich dokumentiert war, bevor die Forscher mit der Datensammlung begannen. Dies verhindert, dass Methoden nachträglich so angepasst werden, dass sie zu gewünschten Ergebnissen führen – ein Problem, das in der Wissenschaft als “outcome reporting bias” bekannt ist.

Die innovative Kategorisierung in “unique associations” zeigt wissenschaftliche Reife und verhindert irreführende Vergleiche. Anstatt alle Folsäure-Studien in einen Topf zu werfen, unterschieden die Forscher sorgfältig zwischen verschiedenen Populationen, Interventionsarten und Outcomes. Dies führt zu differenzierteren, aber letztendlich aussagekräftigeren Schlussfolgerungen.

Schließlich ist die internationale Zusammensetzung des Forscherteams ein Qualitätsmerkmal. Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und Institutionen bringen unterschiedliche Perspektiven und Expertise mit, was die Wahrscheinlichkeit kultureller oder methodischer Verzerrungen reduziert.

Einschränkungen und Grenzen

Trotz ihrer Stärken weist auch diese umfassende Analyse einige wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen. Eine fundamentale Einschränkung liegt in der Natur einer Umbrella Review: Sie ist nur so gut wie die zugrundeliegenden systematischen Reviews. Wenn die ursprünglichen Reviews methodische Schwächen hatten oder wichtige Studien übersehen haben, übertragen sich diese Probleme auf die Umbrella Review.

Ein spezifisches Problem bei Folsäure-Studien ist die Schwierigkeit, den tatsächlichen Folsäure-Status der Studienteilnehmer zu bestimmen. Viele Studien messen nur die Aufnahme über die Nahrung oder Nahrungsergänzungsmittel, aber nicht die Blutspiegel. Dies ist problematisch, weil die Absorption von Folsäure individuell stark variieren kann und durch Faktoren wie genetische Variationen, andere Medikamente oder Erkrankungen beeinflusst wird. Die synthetische Folsäure aus Supplementen wird beispielsweise deutlich besser absorbiert als natürliches Folat aus Lebensmitteln.

Ein weiteres methodisches Problem ist die Heterogenität der eingeschlossenen Studien. Obwohl die Forscher versucht haben, dies durch die Kategorisierung in unique associations zu adressieren, bleiben erhebliche Unterschiede zwischen den Studien bestehen. Verschiedene Studien verwendeten unterschiedliche Dosierungen, Verabreichungsformen, Behandlungsdauern und Messverfahren. Diese Heterogenität macht es schwierig, präzise Dosierungsempfehlungen abzuleiten oder die optimale Timing der Supplementierung zu bestimmen.

Bei den Anämie-Ergebnissen ist die Datenbasis relativ schmal. Die Schlussfolgerungen basieren nur auf vier Interventionsstudien, was die statistische Power und Generalisierbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Zudem konzentrierten sich diese Studien hauptsächlich auf megaloblastische Anämie bei Schwangeren – ob die Ergebnisse auf andere Formen der Anämie oder andere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind, bleibt unklar.

Ein oft übersehenes Problem bei Folsäure-Studien ist der Einfluss von Anreicherungsprogrammen. In vielen Ländern werden Grundnahrungsmittel wie Getreideprodukte seit den 1990er Jahren mit Folsäure angereichert. Dies bedeutet, dass neuere Studien aus diesen Ländern andere Ausgangsbedingungen haben als ältere Studien, was die Vergleichbarkeit erschwert. Die Forscher erwähnen diese Problematik nicht explizit, obwohl sie die Interpretation der Ergebnisse erheblich beeinflussen könnte.

Was bedeutet das für Sie?

Die Erkenntnisse dieser umfassenden Analyse haben durchaus praktische Relevanz für verschiedene Bevölkerungsgruppen, auch wenn sie keine direkten medizinischen Empfehlungen darstellen. Besonders für Frauen im gebärfähigen Alter sind die Ergebnisse hochrelevant. Die Studie bestätigt eindrucksvoll, was Gesundheitsbehörden weltweit bereits empfehlen: Eine adequate Folsäure-Versorgung vor und während der Schwangerschaft kann das Risiko für schwerwiegende Geburtsfehler drastisch reduzieren.

Konkret bedeutet dies, dass Frauen, die eine Schwangerschaft planen oder nicht sicher verhüten, ihre Folsäure-Versorgung überdenken sollten. Da sich das Neuralrohr bereits in den ersten vier Wochen nach der Empfängnis schließt – oft bevor eine Frau bemerkt, dass sie schwanger ist –, muss die Folsäure-Versorgung bereits vor der Empfängnis optimal sein. Die meisten Gesundheitsorganisationen empfehlen daher eine tägliche Supplementierung mit 400 Mikrogramm Folsäure für alle Frauen im gebärfähigen Alter, die schwanger werden könnten.

Für die allgemeine Bevölkerung zeigt die Studie, wie wichtig eine ausgewogene Ernährung mit folsäurereichen Lebensmitteln ist. Zu den besten natürlichen Folsäure-Quellen gehören grünes Blattgemüse wie Spinat und Grünkohl, Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen, Vollkorngetreide, Zitrusfrüchte und Leber. Eine Portion gekochter Spinat (etwa 100 Gramm) liefert beispielsweise rund 150 Mikrogramm Folat, eine Tasse gekochte Linsen etwa 180 Mikrogramm.

Interessant ist auch die Bedeutung für Menschen mit besonderen Ernährungsgewohnheiten. Veganer und Vegetarier haben oft eine höhere Folsäure-Aufnahme als Fleischesser, da sie mehr folsäurereiche pflanzliche Lebensmittel konsumieren. Dennoch sollten auch sie auf eine ausreichende Versorgung achten, besonders wenn die Ernährung einseitig ist oder viele verarbeitete Lebensmittel enthält.

Menschen, die regelmäßig Alkohol konsumieren, haben ein erhöhtes Risiko für Folsäure-Mangel, da Alkohol die Absorption und den Metabolismus von Folsäure beeinträchtigt. Auch bestimmte Medikamente wie Metformin (bei Diabetes), Antiepileptika oder Methotrexat (bei rheumatoider Arthritis) können den Folsäure-Bedarf erhöhen.

Ein praktischer Tipp ist die Beachtung der Zubereitungsmethoden: Folsäure ist wasserlöslich und hitzeempfindlich. Langes Kochen in viel Wasser kann den Folsäure-Gehalt von Gemüse erheblich reduzieren. Schonendere Zubereitungsmethoden wie Dämpfen, kurzes Anbraten oder der Verzehr von rohem Gemüse erhalten mehr Folsäure.

Wissenschaftlicher Ausblick

Diese erste Veröffentlichung der Umbrella Review-Serie konzentrierte sich bewusst auf die beiden bestuntersuchten Anwendungsgebiete von Folsäure – Anämie und Neuralrohrdefekte. Die Forscher kündigen jedoch bereits weitere Berichte an, die sich mit weniger gut verstandenen Gesundheitseffekten von Folsäure beschäftigen werden. Dies ist besonders spannend, da in den letzten Jahren verschiedene Studien potenzielle Zusammenhänge zwischen Folsäure-Status und anderen Erkrankungen untersucht haben.

Ein besonders interessanter Forschungsbereich ist der Zusammenhang zwischen Folsäure und kardiovaskulären Erkrankungen. Einige Studien haben gezeigt, dass Folsäure den Homocystein-Spiegel im Blut senken kann – einen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Allerdings haben große Interventionsstudien bisher keine eindeutigen Belege dafür geliefert, dass eine Folsäure-Supplementierung tatsächlich Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindert.

Ein weiterer vielversprechender Forschungsbereich ist die Rolle von Folsäure bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz. Da Folsäure für die DNA-Methylierung wichtig ist – einen Prozess, der die Genexpression reguliert –, könnte sie theoretisch auch das Altern des Gehirns beeinflussen. Erste Studien zeigen gemischte Ergebnisse, aber die kommenden Berichte der Umbrella Review-Serie könnten hier Klarheit schaffen.

Auch die Rolle von Folsäure bei Krebserkrankungen ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Einerseits könnte eine adequate Folsäure-Versorgung das Risiko für bestimmte Krebsarten senken, andererseits könnten sehr hohe Folsäure-Spiegel theoretisch das Wachstum bereits bestehender Krebszellen fördern. Diese scheinbar widersprüchlichen Effekte erfordern eine sorgfältige Analyse der verfügbaren Evidenz.

Fazit

Die vorliegende Umbrella Review liefert die bisher umfassendste Evidenzsynthese zur Rolle von Folsäure bei Anämie und Neuralrohrdefekten. Die Ergebnisse sind eindeutig: Eine adequate Folsäure-Versorgung kann das Risiko für megaloblastische Anämie bei Schwangeren um etwa 79 Prozent senken und bietet starken Schutz vor Neuralrohrdefekten. Diese Befunde basieren auf einer soliden methodischen Grundlage und bestätigen die aktuellen Empfehlungen für Folsäure-Supplementierung. Die angekündigten weiteren Berichte der Serie werden wichtige Erkenntnisse zu anderen Gesundheitseffekten von Folsäure liefern und damit unser Verständnis dieses essentiellen Vitamins weiter vertiefen.

Häufige Fragen

Ist synthetische Folsäure genauso gut wie natürliches Folat aus Lebensmitteln?

Tatsächlich ist synthetische Folsäure sogar besser bioverfügbar als natürliches Folat aus Lebensmitteln. Während der Körper synthetische Folsäure zu etwa 85 Prozent absorbiert, liegt die Absorption von natürlichem Folat aus Lebensmitteln nur bei etwa 50 Prozent. Dies liegt daran, dass natürliches Folat in verschiedenen chemischen Formen vorkommt und oft an Proteine gebunden ist, was die Absorption erschwert. Dennoch sind folsäurereiche Lebensmittel wertvoll, da sie neben Folat auch andere wichtige Nährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe liefern. Eine Kombination aus folsäurereichen Lebensmitteln und gezielter Supplementierung ist daher optimal.

Können zu hohe Folsäure-Dosen schädlich sein?

Ja, sehr hohe Folsäure-Dosen können potenzielle Risiken bergen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat eine tolerierbare Höchstmenge von 1.000 Mikrogramm täglich für Erwachsene festgelegt. Übermäßige Folsäure-Zufuhr kann einen Vitamin-B12-Mangel maskieren, der unbehandelt zu irreversiblen Nervenschäden führen kann. Außerdem diskutieren Wissenschaftler, ob sehr hohe Folsäure-Spiegel das Wachstum bereits bestehender Krebszellen fördern könnten. Diese Befürchtungen basieren hauptsächlich auf Laborstudien und sind beim Menschen noch nicht eindeutig belegt. Trotzdem sollten die empfohlenen Dosierungen nicht unnötig überschritten werden.

Warum reicht eine gesunde Ernährung nicht immer aus?

Eine ausgewogene Ernährung kann den Folsäure-Bedarf der meisten Menschen decken, aber es gibt wichtige Ausnahmen. Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch haben einen erhöhten Bedarf, der oft schwer allein über die Nahrung zu decken ist. Zudem ist Folsäure sehr empfindlich gegenüber Hitze, Licht und Sauerstoff – beim Kochen können bis zu 90 Prozent verloren gehen. Menschen mit bestimmten genetischen Variationen haben außerdem Schwierigkeiten, Folat effizient zu verwerten. Auch Alkoholkonsum, bestimmte Medikamente und Erkrankungen des Verdauungstrakts können den Folsäure-Bedarf erhöhen oder die Absorption beeinträchtigen. In diesen Fällen kann eine gezielte Supplementierung sinnvoll sein.

Ab wann sollten Frauen mit der Folsäure-Einnahme beginnen?

Idealerweise sollten Frauen bereits vier Wochen vor einer geplanten Schwangerschaft mit der Folsäure-Supplementierung beginnen. Da sich das Neuralrohr bereits zwischen dem 21. und 28. Tag nach der Empfängnis schließt – oft bevor eine Frau überhaupt weiß, dass sie schwanger ist –, muss der Folsäure-Spiegel im Körper bereits optimal sein, wenn die kritische Entwicklungsphase beginnt. Bei ungeplanten Schwangerschaften sollten Frauen sofort nach Bekanntwerden der Schwangerschaft mit der Supplementierung beginnen und diese mindestens bis zur 12. Schwangerschaftswoche fortsetzen. Viele Experten empfehlen sogar, die Einnahme während der gesamten Schwangerschaft und Stillzeit fortzusetzen, um auch andere positive Effekte wie den Schutz vor Anämie zu nutzen.

Welche Wechselwirkungen gibt es mit anderen Medikamenten?

Mehrere Medikamente können die Folsäure-Aufnahme oder den Folsäure-Stoffwechsel beeinträchtigen. Besonders wichtig sind Antiepileptika wie Phenytoin oder Carbamazepin, die den Folsäure-Spiegel senken können. Paradoxerweise kann eine Folsäure-Supplementierung wiederum die Wirksamkeit dieser Medikamente reduzieren, weshalb die Dosierung möglicherweise angepasst werden muss. Methotrexat, ein Medikament gegen rheumatoide Arthritis und bestimmte Krebsarten, blockiert den Folsäure-Stoffwechsel gezielt – hier wird oft zusätzlich Folsäure verschrieben, um Nebenwirkungen zu reduzieren. Auch das Diabetesmedikament Metformin kann die Folsäure-Absorption beeinträchtigen. Menschen, die solche Medikamente einnehmen, sollten mit ihrem Arzt über eine mögliche Folsäure-Supplementierung sprechen und regelmäßige Blutkontrollen durchführen lassen.

Quelle

Diese Zusammenfassung basiert auf: Folate and global health umbrella review series, part 1: methodological framework and syntheses on anaemia and neural tube defects., veröffentlicht in Journal of global health (2026).

→ Originalstudie auf PubMed (PMID: 41612855)