Können Menschen mit verengten Herzkranzgefäßen ihr Herz wirklich durch intensivere Trainingseinheiten stärker machen als mit herkömmlichem Ausdauertraining? Eine neue wissenschaftliche Übersichtsarbeit mit über 1.300 Herz-Kreislauf-Patienten bringt überraschende Erkenntnisse: Hochintensives Intervalltraining (HIIT) übertrifft das traditionelle moderate Ausdauertraining in mehreren wichtigen Gesundheitsparametern – und das bei kürzerer Trainingszeit.
Hintergrund und Kontext
Die koronare Herzkrankheit, bei der sich die Herzkranzgefäße durch Ablagerungen verengen und das Herzmuskelgewebe schlechter mit Sauerstoff versorgt wird, zählt weltweit zu den häufigsten Todesursachen. In Deutschland leiden schätzungsweise zwei Millionen Menschen an dieser Erkrankung, die unbehandelt zu Herzinfarkt oder Herzinsuffizienz führen kann. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass regelmäßige körperliche Aktivität das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen und die Lebensqualität deutlich verbessern kann.
Traditionell setzte man in der kardiologischen Rehabilitation auf moderates, kontinuierliches Ausdauertraining (MICT) – also beispielsweise 30-45 Minuten Radfahren oder Gehen bei mittlerer Intensität, etwa 60-70% der maximalen Herzfrequenz. Diese Trainingsform galt als sicher und effektiv, da sie das Herz-Kreislauf-System gleichmäßig belastet, ohne es zu überfordern.
Doch in den letzten Jahren gewann eine andere Trainingsmethode an Aufmerksamkeit: das hochintensive Intervalltraining (HIIT). Dabei wechseln sich kurze, sehr intensive Belastungsphasen mit Erholungspausen ab – beispielsweise vier Minuten bei 85-95% der maximalen Herzfrequenz, gefolgt von drei Minuten aktiver Erholung bei niedriger Intensität. Was zunächst nur bei Hochleistungssportlern angewendet wurde, eroberte allmählich auch die medizinische Rehabilitation.
Mehrere kleinere Einzelstudien deuteten bereits darauf hin, dass HIIT möglicherweise überlegen sein könnte. Doch die Forschungslandschaft war unübersichtlich: Manche Studien zeigten deutliche Vorteile für HIIT, andere fanden kaum Unterschiede. Die Trainingsprotocolle variierten erheblich, und die Patientengruppen waren oft zu klein für aussagekräftige Schlüsse. Es fehlte eine systematische Auswertung aller verfügbaren Evidenz, um Ärzten und Therapeuten klare Empfehlungen geben zu können.
Die Studie im Detail
Um Licht ins Dunkel zu bringen, führte ein internationales Forscherteam eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse durch – das heißt, sie suchten systematisch nach allen relevanten Studien zum Thema und fassten deren Ergebnisse statistisch zusammen. Ihre Analyse umfasste 22 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1.364 Patienten, die an koronarer Herzkrankheit litten. 685 Teilnehmer absolvierten HIIT-Programme, 679 erhielten MICT-Training.
Die Forscher konzentrierten sich auf objektiv messbare Parameter der Herz-Kreislauf-Gesundheit. Der wichtigste Wert war die maximale Sauerstoffaufnahme (Peak VO2), gemessen in Millilitern Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute. Dieser Wert gilt als Goldstandard für die kardiorespiratorische Fitness – je höher er ist, desto effizienter arbeitet das gesamte Herz-Kreislauf-System. Ein gesunder 40-jähriger Mann erreicht normalerweise Werte um 45 ml/kg/min, Herzpatienten liegen oft deutlich darunter.
Die Ergebnisse waren beeindruckend: HIIT verbesserte die maximale Sauerstoffaufnahme um durchschnittlich 1,42 ml/kg/min mehr als MICT. Das mag zunächst wenig erscheinen, entspricht aber einer bedeutsamen Steigerung der Herzgesundheit. Zum Vergleich: Eine Verbesserung um nur 1 ml/kg/min ist bereits mit einer Reduktion des Sterberisikos um etwa 9-15% verbunden.
Auch bei der körperlichen Belastbarkeit zeigte sich HIIT überlegen: Im Sechs-Minuten-Gehtest, bei dem Patienten sechs Minuten lang so weit wie möglich gehen sollen, schafften HIIT-Teilnehmer durchschnittlich 18,6 Meter mehr als die MICT-Gruppe. Dieser Test spiegelt die Alltagsbelastbarkeit wider – wer weiter gehen kann, bewältigt auch Treppen steigen oder Einkaufen besser.
Interessant waren auch die Herzfrequenz-Werte: Die maximale Herzfrequenz unter Belastung stieg durch HIIT um 4,21 Schläge pro Minute mehr als durch MICT. Das deutet darauf hin, dass sich das Herz an höhere Belastungen anpassen und seine Leistungsreserven besser ausschöpfen kann.
Überraschend war ein Befund zum Blutdruck: Der diastolische Wert (der untere Blutdruckwert, der den Druck in den Gefäßen zwischen den Herzschlägen angibt) stieg durch HIIT um 3,43 mmHg mehr als durch MICT. Das scheint zunächst nachteilig, liegt aber möglicherweise daran, dass ein trainiertes Herz kräftiger pumpt und die Gefäße während der Entspannungsphase einen höheren Grundtonus aufweisen.
Bei anderen wichtigen Parametern fanden die Forscher keine signifikanten Unterschiede: Die Pumpfunktion des Herzens (Ejektionsfraktion) und das Volumen der linken Herzkammer verbesserten sich durch beide Trainingsformen ähnlich gut. Auch beim systolischen Blutdruck (oberer Wert) zeigten sich keine relevanten Unterschiede zwischen den Methoden.
So wurde die Studie durchgeführt
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse gilt in der medizinischen Forschung als eine der vertrauenswürdigsten Studienformen. Statt selbst Patienten zu untersuchen, durchsuchen die Wissenschaftler systematisch alle verfügbare Literatur zu einer bestimmten Fragestellung und fassen die Ergebnisse statistisch zusammen. Das ist vergleichbar mit einer demokratischen Abstimmung: Statt auf die Meinung eines einzelnen Experten zu hören, wird das Votum aller verfügbaren Studien gewichtet und ausgezählt.
Die Forscher durchsuchten fünf große medizinische Datenbanken – darunter PubMed, die weltweit wichtigste Sammlung medizinischer Fachliteratur – nach allen relevanten Studien seit Beginn der elektronischen Erfassung bis September 2024. Sie suchten gezielt nach randomisierten kontrollierten Studien, also Untersuchungen, bei denen Patienten per Zufall einer von zwei Behandlungsgruppen zugeteilt wurden. Diese Studienform minimiert Verzerrungen und liefert die zuverlässigsten Ergebnisse.
Zwei unabhängige Forscher bewerteten jede gefundene Studie nach strengen Kriterien: Waren die Teilnehmer tatsächlich Patienten mit gesicherter koronarer Herzkrankheit? Wurde wirklich HIIT mit MICT verglichen? Waren die Messmethoden standardisiert und zuverlässig? Nur Studien, die alle Qualitätskriterien erfüllten, flossen in die finale Analyse ein.
Die statistische Auswertung erfolgte mit spezieller Software, die für medizinische Meta-Analysen entwickelt wurde. Dabei werden nicht nur die Durchschnittswerte berechnet, sondern auch die Vertrauensintervalle und die Heterogenität zwischen den Studien berücksichtigt. Forest plots – grafische Darstellungen, die auf den ersten Blick zeigen, ob ein Effekt konsistent nachweisbar ist – visualisierten die Ergebnisse.
Besonders wichtig war die Prüfung auf Publication Bias: Studien mit spektakulären positiven Ergebnissen werden häufiger veröffentlicht als solche mit negativen oder unauffälligen Befunden. Mit statistischen Tests und Funnel plots überprüften die Forscher, ob ihre Ergebnisse durch diesen Verzerrungseffekt beeinflusst sein könnten.
Stärken der Studie
Diese Meta-Analyse weist mehrere methodische Stärken auf, die ihr hohes Gewicht in der wissenschaftlichen Evidenz verleihen. Mit 1.364 Patienten aus 22 verschiedenen Studien erreicht sie eine beträchtliche statistische Power – das heißt, auch kleinere, aber klinisch relevante Unterschiede zwischen den Trainingsformen können zuverlässig erkannt werden. Einzelstudien mit oft nur 30-50 Teilnehmern wären dazu nicht in der Lage gewesen.
Die systematische Literatursuche in fünf großen Datenbanken macht es unwahrscheinlich, dass relevante Studien übersehen wurden. Die Einschlusskriterien waren klar definiert: Nur randomisierte kontrollierte Studien mit diagnostizierter koronarer Herzkrankheit wurden berücksichtigt, was die Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit der Ergebnisse erhöht.
Besonders wertvoll ist die geringe statistische Heterogenität zwischen den Studien: Bei den meisten Zielparametern lag der I²-Wert bei 0%, was bedeutet, dass die verschiedenen Studien sehr ähnliche Ergebnisse erzielten. Das stärkt das Vertrauen in die Befunde erheblich – wenn 22 verschiedene Forschergruppen in unterschiedlichen Ländern und Settings zu ähnlichen Schlüssen kommen, ist das ein starkes Indiz für die Robustheit der Ergebnisse.
Die Autoren führten außerdem Sensitivitätsanalysen durch, bei denen sie einzelne Studien aus der Berechnung ausschlossen, um zu prüfen, ob die Ergebnisse stabil bleiben. Diese blieben unverändert, was zusätzliche Sicherheit schafft. Die Untersuchung auf Publication Bias mittels Funnel plots ergab keine Hinweise auf systematische Verzerrungen.
Einschränkungen und Grenzen
Trotz ihrer methodischen Stärken weist auch diese Meta-Analyse einige wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen. Die größte Einschränkung liegt in der Heterogenität der HIIT-Protokolle: Die verschiedenen Studien verwendeten unterschiedliche Intensitäten, Intervall-Dauern und Trainingshäufigkeiten. Manche Patienten absolvierten 4x4-Minuten-Intervalle bei 85-95% der maximalen Herzfrequenz, andere kurze 30-Sekunden-Sprints oder längere 8-Minuten-Blöcke. Diese Vielfalt macht es schwierig zu bestimmen, welches HIIT-Protokoll optimal ist.
Ähnlich verhält es sich mit der Trainingsdauer: Die eingeschlossenen Studien liefen zwischen vier Wochen und sechs Monaten. Während kurzfristige Effekte gut dokumentiert sind, bleiben Fragen zur langfristigen Nachhaltigkeit offen. Verlieren sich die Vorteile von HIIT nach einem Jahr wieder? Führt die höhere Intensität zu mehr Trainingsabbrüchen oder Verletzungen? Diese Meta-Analyse kann darüber keine Aussage treffen.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Verblindung: Bei Trainingsstudien ist es praktisch unmöglich, Teilnehmer und Betreuer zu verblinden – jeder merkt, ob er Intervall- oder kontinuierliches Training absolviert. Das kann zu Placebo-Effekten führen, wenn HIIT-Teilnehmer aufgrund der “moderneren” Trainingsform motivierter sind oder höhere Erwartungen haben.
Die Sicherheitsaspekte wurden in der Meta-Analyse nicht systematisch erfasst. Zwar erwähnt keine der Studien schwerwiegende Zwischenfälle, aber detaillierte Daten zu Verletzungen, Trainingsabbrüchen oder kardiovaskulären Ereignissen während der Belastung fehlen. Gerade bei Herzpatienten ist das ein wichtiger Aspekt, der in zukünftigen Studien besser dokumentiert werden sollte.
Schließlich stammten die meisten Teilnehmer aus westlichen Ländern, waren überwiegend männlich und befanden sich in relativ stabilen Krankheitsstadien. Die Übertragbarkeit auf Frauen, andere Ethnien oder Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz ist daher eingeschränkt.
Was bedeutet das für Sie?
Die Ergebnisse dieser Meta-Analyse sind ermutigend für Menschen mit koronarer Herzkrankheit: Sie zeigen, dass körperliches Training nicht nur sicher ist, sondern auch messbare Verbesserungen der Herzgesundheit bewirken kann. Dabei scheint hochintensives Intervalltraining in mehreren Aspekten überlegen zu sein – allerdings mit wichtigen Einschränkungen.
Falls Sie selbst von einer koronaren Herzkrankheit betroffen sind, sollten Sie zunächst mit Ihrem Kardiologen oder einem spezialisierten Sporttherapeuten sprechen, bevor Sie Ihr Trainingsprogramm umstellen. HIIT erfordert eine sorgfältige medizinische Voruntersuchung und professionelle Anleitung, besonders in der Anfangsphase. Nicht jeder Herzpatient ist für hochintensive Belastungen geeignet – Faktoren wie die Schwere der Erkrankung, Begleiterkrankungen und aktuelle Medikation müssen berücksichtigt werden.
Ein typisches HIIT-Programm für Herzpatienten könnte so aussehen: Nach einem zehnminütigen Aufwärmen folgen vier bis fünf Intervalle von je vier Minuten bei 85-90% der maximalen Herzfrequenz, unterbrochen von dreiminütigen Erholungsphasen bei niedriger Intensität. Das Ganze dauert etwa 45 Minuten inklusive Aufwärmen und Cool-down – oft kürzer als eine herkömmliche Ausdauereinheit, aber mit potenziell größerem Nutzen.
Wichtig ist die progressive Steigerung: Beginnen Sie mit moderaten Intensitäten und kürzeren Intervallen, um Ihren Körper langsam an die höheren Belastungen zu gewöhnen. Viele Rehabilitationszentren bieten mittlerweile HIIT-Programme unter medizinischer Überw
Quelle
Diese Zusammenfassung basiert auf: Effects of high-intensity interval training versus moderate-intensity continuous training on cardiorespiratory and exercise capacity in patients with coronary artery disease: A systematic review and meta-analysis., veröffentlicht in PloS one (2025).