Einführung
Könnten wir die Herzleistung von Patienten mit schwerer Herzschwäche um mehr als drei Prozentpunkte verbessern – und das mit nur sieben Tagen Behandlung? Eine aktuelle chinesische Studie legt genau das nahe und rückt dabei eine Substanz in den Fokus, die bereits seit Jahren als potenzielle Anti-Aging-Therapie diskutiert wird: Nicotinamide Adenine Dinucleotide, kurz NAD+. Die randomisierte, placebokontrollierte Studie mit 180 Herzpatienten zeigt erstmals beim Menschen, was Forscher schon lange in Tierversuchen beobachtet haben – NAD+ könnte tatsächlich das schwächelnde Herz wieder stärken.
Hintergrund und Kontext
Herzschwäche, medizinisch Herzinsuffizienz genannt, ist eine der häufigsten und gefährlichsten Volkskrankheiten unserer Zeit. Allein in Deutschland leben schätzungsweise vier Millionen Menschen mit dieser Diagnose, bei der das Herz nicht mehr in der Lage ist, den Körper ausreichend mit Blut und Sauerstoff zu versorgen. Die Betroffenen leiden unter Atemnot, Erschöpfung und eingeschränkter Lebensqualität – viele von ihnen müssen wiederholt ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Besonders häufig entsteht Herzschwäche als Folge einer ischämischen Kardiomyopathie. Dieser sperrige Begriff beschreibt einen Zustand, bei dem das Herzmuskelgewebe durch unzureichende Durchblutung – meist aufgrund verengter Herzkranzgefäße – geschädigt wurde. Die Herzmuskelzellen erhalten zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe, was ihre Energieproduktion massiv beeinträchtigt. Das Herz wird schwächer und kann seiner Pumpfunktion nicht mehr vollständig nachkommen.
Hier kommt NAD+ ins Spiel. Diese Substanz ist ein fundamentaler Baustein des Energiestoffwechsels in jeder einzelnen Zelle unseres Körpers. NAD+ fungiert als Coenzym – eine Art molekularer Helfer – bei zahlreichen biochemischen Reaktionen, die für die zelluläre Energieproduktion unverzichtbar sind. Vereinfacht gesagt: Ohne ausreichend NAD+ können unsere Zellen nicht effizient arbeiten, ähnlich wie ein Motor ohne Motoröl.
Wissenschaftler haben bereits seit Jahren beobachtet, dass die NAD+-Spiegel im Alter abnehmen und bei verschiedenen Krankheiten erniedrigt sind. Tierversuche zeigten vielversprechende Ergebnisse: Mäuse und Ratten mit Herzproblemen erholten sich nach NAD+-Gaben merklich. Ihre Herzfunktion verbesserte sich, und die Tiere zeigten eine bessere Belastbarkeit. Doch was im Tierversuch funktioniert, lässt sich nicht automatisch auf den Menschen übertragen. Genau diese Wissenslücke wollten chinesische Forscher nun schließen.
Die Studie im Detail
Die Forschungsgruppe rekrutierte 180 Erwachsene, die alle unter einer ischämischen Kardiomyopathie litten – ihre Herzschwäche war also durch eine unzureichende Durchblutung des Herzmuskels entstanden. Alle Teilnehmer erfüllten strenge Einschlusskriterien: Ihre linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) lag bei maximal 45 Prozent. Diese Zahl ist entscheidend, denn sie gibt an, wie viel Prozent des Blutes das Herz bei jedem Schlag aus der linken Hauptkammer pumpt. Bei gesunden Menschen liegt dieser Wert typischerweise zwischen 55 und 70 Prozent. Ein Wert von 45 Prozent oder darunter signalisiert eine deutlich eingeschränkte Herzfunktion.
Zusätzlich mussten die Patienten in die NYHA-Klassen II oder III eingestuft werden. Das NYHA-System (New York Heart Association) klassifiziert die Schwere der Herzschwäche anhand der körperlichen Belastbarkeit. Klasse II bedeutet, dass Beschwerden bei stärkerer körperlicher Belastung auftreten, während Klasse III bereits bei leichter Belastung Symptome verursacht. Diese Patienten leiden also unter erheblichen Einschränkungen im Alltag.
Die 180 Teilnehmer wurden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Hälfte erhielt täglich 10 Milligramm NAD+ intravenös – also direkt ins Blut gespritzt –, die andere Hälfte bekam ein Placebo aus Glucose und Kochsalzlösung verabreicht. Diese Behandlung dauerte lediglich sieben Tage. Alle Patienten erhielten zusätzlich ihre gewohnte, leitliniengerechte Herztherapie mit Medikamenten wie ACE-Hemmern oder Betablockern.
Das Hauptziel der Studie war es, zu messen, ob sich die Ejektionsfraktion nach einem Monat verbessert hatte. Tatsächlich zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied: In der NAD+-Gruppe stieg die LVEF auf durchschnittlich 45,44 Prozent an, während sie in der Placebo-Gruppe nur 42,44 Prozent erreichte. Der Unterschied von etwa drei Prozentpunkten mag klein erscheinen, ist aber bei Herzschwäche durchaus klinisch relevant und könnte für die betroffenen Patienten einen spürbaren Unterschied in der Lebensqualität bedeuten.
Weitere interessante Befunde ergaben sich bei den sekundären Endpunkten. NT-proBNP, ein Laborwert, der bei Herzschwäche erhöht ist und als Marker für die Schwere der Erkrankung gilt, zeigte nach sieben Tagen eine Tendenz zur Besserung in der NAD+-Gruppe. Während die Werte in der Behandlungsgruppe bei 1471 pg/mL lagen, waren sie in der Placebo-Gruppe mit 2318 pg/mL deutlich höher – allerdings war dieser Unterschied statistisch nicht signifikant.
Besonders bemerkenswert waren die Langzeitergebnisse über sechs Monate: Nur 14,6 Prozent der NAD+-Patienten erlitten schwerwiegende Herz-Kreislauf-Ereignisse, verglichen mit 24,7 Prozent in der Placebo-Gruppe. Dieser Unterschied war hauptsächlich auf weniger ungeplante Krankenhauseinweisungen wegen Herzschwäche zurückzuführen (13,5 versus 23,6 Prozent). Auch hier waren die Unterschiede statistisch nicht signifikant, aber die Tendenz ist durchaus beeindruckend – besonders wenn man bedenkt, dass die eigentliche Behandlung nur sieben Tage dauerte.
So wurde die Studie durchgeführt
Um die Qualität der Ergebnisse zu gewährleisten, wählten die Forscher das Design einer randomisierten, placebokontrollierten Studie – den sogenannten Goldstandard der klinischen Forschung. Was bedeutet das konkret? Randomisiert heißt, dass die Zuordnung zu den Behandlungsgruppen dem Zufall überlassen wurde, ähnlich einem Münzwurf. Dadurch wird verhindert, dass bewusst oder unbewusst bestimmte Patienten in eine der beiden Gruppen gesteckt werden, was die Ergebnisse verfälschen könnte.
Placebokontrolliert bedeutet, dass eine Gruppe der Teilnehmer ein Scheinmedikament erhielt, das genauso aussah wie das echte NAD+, aber keine Wirksubstanz enthielt. Die Patienten wussten nicht, ob sie das echte Medikament oder das Placebo bekommen – sie waren also “verblindet”. Dies ist wichtig, weil allein die Erwartung einer Behandlung zu Verbesserungen führen kann, dem sogenannten Placebo-Effekt.
Die Forscher führten ihre Studie an einem einzigen Zentrum durch, was einerseits den Vorteil hat, dass alle Untersuchungen unter standardisierten Bedingungen abliefen. Andererseits schränkt dies die Übertragbarkeit der Ergebnisse ein, da möglicherweise lokale Besonderheiten in der Patientenversorgung die Resultate beeinflusst haben könnten.
Die Dosierung von 10 Milligramm NAD+ täglich über sieben Tage wurde intravenös verabreicht. Diese Verabreichungsform war wahrscheinlich notwendig, weil NAD+ bei oraler Einnahme möglicherweise nicht gut vom Körper aufgenommen wird. Die relativ kurze Behandlungsdauer von nur einer Woche ist bemerkenswert, da die meisten Herzmedikamente dauerhaft eingenommen werden müssen, um ihre Wirkung zu entfalten.
Die Nachbeobachtungszeit erstreckte sich über sechs Monate, was für eine Herzstudie angemessen ist. In dieser Zeit wurden nicht nur die Herzfunktion mittels Echokardiographie überwacht, sondern auch wichtige klinische Ereignisse wie Herzinfarkte, Schlaganfälle und Krankenhauseinweisungen erfasst. Diese sogenannten “harten Endpunkte” sind für Patienten letztendlich wichtiger als reine Laborwerte oder technische Messungen.
Stärken der Studie
Diese Studie weist mehrere bemerkenswerte Stärken auf, die ihr wissenschaftliches Gewicht verleihen. Zunächst ist das randomisierte, placebokontrollierte Design hervorzuheben – es handelt sich um den höchsten Standard in der klinischen Forschung. Dadurch können die Forscher mit hoher Sicherheit ausschließen, dass andere Faktoren als die NAD+-Behandlung für die beobachteten Verbesserungen verantwortlich waren.
Die Stichprobengröße von 180 Patienten ist für eine erste Proof-of-Concept-Studie durchaus respektabel. Während sie für definitive Aussagen noch nicht ausreicht, ist sie groß genug, um wichtige Trends zu identifizieren und statistisch relevante Unterschiede bei den Hauptzielgrößen zu erkennen. Die Forscher führten auch eine Poweranalyse durch, um sicherzustellen, dass ihre Studie groß genug war, um klinisch relevante Unterschiede zu entdecken.
Besonders wertvoll ist die Tatsache, dass es sich um die erste placebokontrollierte Studie zu NAD+ bei menschlichen Herzpatienten handelt. Bisher beruhte das Wissen hauptsächlich auf Tierversuchen und theoretischen Überlegungen. Diese Studie schließt also eine wichtige Wissenslücke und liefert erstmals Daten aus der klinischen Praxis.
Die Auswahl der Endpunkte war ebenfalls durchdacht. Die linksventrikuläre Ejektionsfraktion ist ein etablierter und objektiver Marker für die Herzfunktion, der routinemäßig in der kardiologischen Praxis verwendet wird. Die Ergänzung um klinische Endpunkte wie Krankenhauseinweisungen und die NYHA-Klassifikation stellt sicher, dass nicht nur technische Parameter, sondern auch patientenrelevante Outcomes betrachtet wurden.
Einschränkungen und Grenzen
Trotz der positiven Ergebnisse weist diese Studie mehrere wichtige Limitationen auf, die eine vorsichtige Interpretation der Resultate erfordern. Die größte Schwäche liegt in der statistischen Power vieler sekundärer Endpunkte. Während der Hauptendpunkt – die Verbesserung der Ejektionsfraktion – statistisch signifikant war, erreichten viele andere wichtige Parameter wie die NT-proBNP-Werte oder die Rate an Krankenhauseinweisungen keine statistische Signifikanz. Dies bedeutet, dass wir nicht mit Sicherheit sagen können, ob die beobachteten Trends echte Effekte sind oder auf den Zufall zurückgehen.
Ein weiteres Problem ist das Single-Center-Design. Alle Patienten wurden in einem einzigen chinesischen Krankenhaus behandelt, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Populationen und Gesundheitssysteme einschränkt. Kulturelle Unterschiede in der Lebensweise, genetische Faktoren oder unterschiedliche Standards in der Herzbehandlung könnten die Ergebnisse beeinflusst haben.
Die relativ kurze Nachbeobachtungszeit von sechs Monaten ist für eine Herzstudie ebenfalls problematisch. Herzschwäche ist eine chronische Erkrankung, die sich über Jahre entwickelt und deren Behandlung langfristig angelegt sein muss. Ob die nach sieben Tagen NAD+-Behandlung beobachteten Verbesserungen tatsächlich von Dauer sind, bleibt unklar. Es ist durchaus denkbar, dass die Effekte nach einigen Monaten wieder abklingen.
Besonders kritisch ist das Fehlen von Informationen über mögliche Nebenwirkungen. Die Autoren erwähnen keine systematische Erfassung von unerwünschten Ereignissen, was bei einem experimentellen Ansatz wie der NAD+-Therapie problematisch ist. Ohne solche Daten lässt sich das Nutzen-Risiko-Verhältnis nicht abschließend bewerten.
Die Dosierung und Verabreichungsform werfen weitere Fragen auf. 10 Milligramm täglich über sieben Tage intravenös ist ein sehr spezifisches Protokoll, dessen Optimierung noch nicht erfolgt ist. Möglicherweise wären andere Dosierungen oder längere Behandlungszeiten wirksamer – oder umgekehrt könnten niedrigere Dosen bereits ausreichen. Diese Fragen bleiben offen.
Schließlich fehlen wichtige mechanistische Daten. Obwohl die Forscher theoretisch erklären, warum NAD+ helfen könnte, haben sie nicht gemessen, ob die Behandlung tatsächlich die NAD+-Spiegel im Blut oder Gewebe erhöht hat. Ohne solche Daten bleibt unklar, ob der beobachtete Effekt wirklich auf die theoretisch angenommenen Mechanismen zurückzuführen ist.
Was bedeutet das für Sie?
Die Ergebnisse dieser Studie sind wissenschaftlich interessant, sollten aber keinesfalls zu voreiligen Schlüssen führen. Falls Sie oder ein Angehöriger unter Herzschwäche leiden, ist es wichtig zu verstehen, dass NAD+ derzeit noch nicht als etablierte Therapie verfügbar ist. Die Studie liefert lediglich erste Hinweise auf eine mögliche Wirksamkeit – mehr nicht.
NAD+ ist als Nahrungsergänzungsmittel frei verkäuflich, allerdings meist in Form von Vorstufen wie Nicotinamid-Ribosid oder Nicotinamid-Mononukleotid. Diese Präparate werden oft als “Anti-Aging-Supplements”
Quelle
Diese Zusammenfassung basiert auf: Effect of Nicotinamide Adenine Dinucleotide on Heart Failure Caused by Ischemic Cardiomyopathy: A Randomized, Placebo-Controlled Trial., veröffentlicht in American journal of cardiovascular drugs : drugs, devices, and other interventions (2026).