Online-Intervention reduziert Vorurteile gegen LGBTQ+ bei rumänischen Lehrkräften um 56 Prozent

⏱️ 8 Min. Lesezeit 📅 2026 📖 JMIR human factors 👨‍🔬 Sălăgean N, Latu I, Larsen T, Isbășoiu A, Sava F
📋 Studien-Steckbrief RCT
175
Teilnehmer
2026
Jahr
🎯 PICO-Analyse
P
Population
Rumänische Lehrer und Berater, n=175
I
Intervention
1-stündige internetbasierte Video-Intervention mit Bildungsinformationen, LGBTQ+ Erfahrungsberichten, Perspektivwechsel-Aufgaben und Selbstwirksamkeits-Übung
C
Vergleich
Kontrollgruppe (erhielt Intervention nach Messung)
O
Ergebnis
LGBTQ+ Vorurteile (gemessen mit Attitudes Toward Lesbians and Gay Men Scale, Homophobia Scale, Attitudes Toward Homosexuals Scale), Verhaltensabsichten,
📰 Journal JMIR human factors
👨‍🔬 Autoren Sălăgean N, Latu I, Larsen T, Isbășoiu A, Sava F
🔬 Typ RCT
🔬 RCT

Online-Intervention reduziert Vorurteile gegen LGBTQ+ bei rumänischen Lehrkräften um 56 Prozent

JMIR human factors (2026)

Einführung

Was wäre, wenn eine einstündige Online-Schulung jahrelang verfestigte Vorurteile gegen die LGBTQ+-Community aufbrechen könnte? Diese Frage klingt fast zu schön, um wahr zu sein – doch genau das hat eine wegweisende Studie aus Rumänien untersucht. In einem Land, das innerhalb der Europäischen Union zu den Schlusslichtern bei der LGBTQ+-Inklusion gehört, testeten Forscher eine internetbasierte Intervention bei 175 Lehrkräften und Beratungslehrern. Das Ergebnis: Nach nur einer Stunde strukturierter Online-Schulung zeigten die Teilnehmer signifikant weniger Vorurteile, mehr Wissen über LGBTQ+-Themen und eine um 56 Prozent höhere Bereitschaft, unterstützende Verhaltensweisen zu zeigen. Diese Erkenntnisse könnten nicht nur für Rumänien, sondern für Bildungssysteme weltweit von enormer Bedeutung sein.

Hintergrund und Kontext

Diskriminierung hinterlässt tiefe Spuren – nicht nur psychisch, sondern auch körperlich. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen immer wieder, dass anhaltender Stress durch Vorurteile und Ausgrenzung das Immunsystem schwächt, Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördert und die Lebenserwartung verkürzt. Besonders verheerend wirkt sich diese Art von chronischem Stress auf Jugendliche unter 17 Jahren aus, deren Persönlichkeit sich noch in der Entwicklung befindet. In dieser sensiblen Lebensphase können diskriminierende Erfahrungen langfristige psychische Schäden verursachen, die bis ins Erwachsenenalter nachwirken.

Rumänien steht exemplarisch für diese Problematik: Das Land belegt in EU-weiten Vergleichsstudien zur LGBTQ+-Inklusion regelmäßig die hintersten Plätze. Eine erschreckend hohe Anzahl von LGBTQ+-Jugendlichen berichtet von Mobbing und Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Das besonders Tragische daran: Ein Großteil dieser Diskriminierung findet nicht etwa auf der Straße oder in sozialen Medien statt, sondern direkt in der Schule – einem Ort, der eigentlich Sicherheit und Bildung vermitteln sollte.

Hier kommt Lehrkräften und Schulberatung eine Schlüsselrolle zu. Sie sind diejenigen, die das Schulklima maßgeblich prägen und institutionelle Veränderungen anstoßen können. Doch bisher gab es kaum wissenschaftlich fundierte Interventionen, die speziell für Bildungseinrichtungen in Ländern mit traditionell konservativen Einstellungen entwickelt wurden. Die meisten bisherigen Programme stammen aus westlichen, hochentwickelten Demokratien und lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere kulturelle Kontexte übertragen. Genau diese Forschungslücke wollten die Wissenschaftler mit ihrer Studie schließen.

Die Studie im Detail

Für ihre randomisierte kontrollierte Studie rekrutierten die Forscher 175 rumänische Lehrkräfte über eine geschlossene Online-Nutzergruppe auf nationaler Ebene. Diese Rekrutierungsstrategie war clever gewählt: Sie erreichte Pädagogen aus verschiedenen Regionen des Landes und unterschiedlichen Schulformen, wodurch die Ergebnisse eine breitere Gültigkeit erlangen. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt – 89 Personen in die Interventionsgruppe und 86 in die Kontrollgruppe.

Das Herzstück der Intervention war eine einstündige Online-Schulung, die von zwei Forschern geleitet wurde. Doch diese Stunde war alles andere als eine trockene Vorlesung. Stattdessen kombinierten die Wissenschaftler geschickt verschiedene psychologische Ansätze: Zunächst erhielten die Teilnehmer fundierte Informationen über LGBTQ+-Themen – Fakten, die häufige Mythen und Fehlvorstellungen korrigierten. Anschließend hörten sie authentische Erfahrungsberichte von LGBTQ+-Personen, wodurch abstrakte Konzepte plötzlich menschliche Gesichter bekamen.

Besonders innovativ waren die sogenannten Perspektivübernahme-Übungen: Die Lehrkräfte sollten sich aktiv in die Situation von LGBTQ+-Jugendlichen hineinversetzen und deren Schulalltag aus deren Blickwinkel betrachten. Den Abschluss bildete eine Selbstwirksamkeitsübung, in der die Teilnehmer konkrete Strategien entwickelten, wie sie in ihrem Schulalltag unterstützend wirken könnten.

Die Ergebnisse waren beeindruckend: Während die Kontrollgruppe praktisch keine Veränderungen zeigte, verbesserten sich bei der Interventionsgruppe mehrere wichtige Parameter deutlich. Am stärksten war die Verbesserung bei der Bereitschaft zu unterstützenden Verhaltensweisen – hier lag der Unterschied bei 56 Prozent (d=0,56, was in der Wissenschaft als mittlerer bis starker Effekt gilt). Die Teilnehmer entwickelten auch wärmere Gefühle gegenüber LGBTQ+-Personen (32 Prozent Verbesserung), zeigten mehr Selbstwirksamkeit im Umgang mit entsprechenden Situationen (33 Prozent Verbesserung) und verfügten über deutlich mehr Faktenwissen (52 Prozent Verbesserung).

Interessant war auch, was sich nicht veränderte: Zwischenmenschliche Angst, Ekelgefühle oder allgemeine Empathie blieben unverändert. Dies deutet darauf hin, dass die Intervention sehr spezifisch auf LGBTQ+-bezogene Einstellungen wirkte, ohne die Persönlichkeit der Teilnehmer grundlegend zu verändern.

So wurde die Studie durchgeführt

Um die Qualität dieser Forschung zu verstehen, ist es wichtig, das verwendete Studiendesign zu erklären. Die Wissenschaftler wählten eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) – den Goldstandard für Interventionsstudien. Aber was bedeutet das konkret? Stellen Sie sich vor, Sie wollten herausfinden, ob ein neues Lernprogramm tatsächlich die Noten verbessert. Sie könnten einfach eine Klasse unterrichten und schauen, ob sich die Noten verbessern – doch dann wüssten Sie nie, ob die Verbesserung wirklich am Programm lag oder an anderen Faktoren wie motivierteren Schülern oder einem leichteren Test.

Bei einer RCT wird dieses Problem elegant gelöst: Die Teilnehmer werden per Zufall (randomisiert) in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe erhält die Intervention – in diesem Fall die einstündige Online-Schulung. Die andere Gruppe, die Kontrollgruppe, erhält zunächst keine Intervention, sondern durchläuft zuerst alle Messungen und bekommt die Schulung erst später. Dadurch können die Forscher präzise feststellen, welche Veränderungen tatsächlich auf die Intervention zurückzuführen sind.

Die Messungen selbst waren umfassend und wissenschaftlich validiert. Die Forscher verwendeten etablierte Skalen wie die “Attitudes Toward Lesbians and Gay Men Scale”, verschiedene Homophobie-Skalen und Messungen für Verhaltensabsichten. Diese Instrumente wurden in jahrzehntelanger Forschung entwickelt und getestet – sie messen also wirklich das, was sie zu messen vorgeben. Zusätzlich erfassten sie Faktenwissen durch konkrete Fragen zu LGBTQ+-Themen und die Fähigkeit zur Perspektivübernahme durch spezielle Übungen.

Ein cleveres Detail der Studiengestaltung war die Reihenfolge: Die Interventionsgruppe erhielt zuerst die Schulung und füllte dann die Fragebögen aus, während die Kontrollgruppe zuerst die Fragebögen ausfüllte und die Schulung später erhielt. So bekamen am Ende alle Teilnehmer die gleiche Information – ein ethisch wichtiger Aspekt, da niemand aufgrund der Studienteilnahme benachteiligt wurde.

Stärken der Studie

Diese Studie weist mehrere bemerkenswerte Stärken auf, die ihre Aussagekraft erheblich erhöhen. Zunächst ist da die Wahl des Studiendesigns: Randomisierte kontrollierte Studien gelten in der Interventionsforschung als Goldstandard, weil sie den stärksten Beweis für kausale Zusammenhänge liefern. Durch die Randomisierung können die Forscher sicher sein, dass beobachtete Unterschiede tatsächlich auf die Intervention zurückzuführen sind und nicht auf andere Faktoren.

Besonders hervorzuheben ist der kulturelle Kontext der Studie. Während die meisten bisherigen Interventionen zur Reduktion von LGBTQ+-Vorurteilen in westlichen, liberalen Gesellschaften durchgeführt wurden, wagte sich diese Forschungsgruppe in deutlich schwierigeres Terrain. Rumänien gehört zu den EU-Ländern mit den konservativsten Einstellungen gegenüber LGBTQ+-Personen – wenn eine Intervention hier wirkt, ist das ein starker Indikator dafür, dass sie auch in anderen kulturell konservativen Kontexten erfolgreich sein könnte.

Die Intervention selbst ist ein Musterbeispiel für theoriegeleitete Entwicklung. Statt einfach Informationen zu vermitteln, kombinierten die Forscher bewusst verschiedene psychologische Ansätze: kognitive Komponenten (Fakten und Aufklärung), affektive Elemente (persönliche Geschichten und Perspektivübernahme) und Verhaltenskomponenten (Selbstwirksamkeitsübungen). Diese Mehrgleisigkeit entspricht dem aktuellen Stand der Vorurteilsforschung und macht die Intervention besonders robust.

Einschränkungen und Grenzen

Trotz der beeindruckenden Ergebnisse weist diese Studie auch wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen. Die vielleicht gravierendste Einschränkung betrifft die Nachhaltigkeit der beobachteten Veränderungen. Die Messungen fanden direkt nach der Intervention statt – wir wissen also nicht, ob die positiven Effekte auch nach Wochen oder Monaten noch bestehen. Einstellungsänderungen können sich als überraschend flüchtig erweisen, besonders wenn die sozialen Umstände (wie ein konservatives Schulumfeld) den alten Denkmustern förderlich sind.

Ein zweites wichtiges Problem ist die Selbstselektion der Teilnehmer. Die Lehrkräfte meldeten sich freiwillig für die Studie an – möglicherweise waren daher bereits offenere oder motiviertere Pädagogen überrepräsentiert. In der Fachsprache nennt man dies einen “Selection Bias”. Lehrkräfte, die grundsätzlich ablehnend gegenüber LGBTQ+-Themen eingestellt sind, hätten vermutlich gar nicht erst an einer entsprechenden Studie teilgenommen. Dies schränkt die Übertragbarkeit auf die Gesamtpopulation von Lehrkräften erheblich ein.

Darüber hinaus beruhen alle Ergebnisse auf Selbsteinschätzungen der Teilnehmer. Menschen neigen jedoch dazu, sozial erwünschte Antworten zu geben, besonders bei sensiblen Themen wie Vorurteilen. Es ist durchaus möglich, dass einige Teilnehmer nach der Schulung bewusst oder unbewusst tolerantere Einstellungen berichteten, ohne dass sich ihre tatsächlichen Überzeugungen oder ihr Verhalten geändert hatten. Verhaltensbeobachtungen im echten Schulalltag wären aussagekräftiger gewesen, sind aber methodisch schwer umsetzbar.

Die Stichprobengröße von 175 Personen ist für eine Interventionsstudie durchaus respektabel, aber dennoch relativ klein für weitreichende Schlussfolgerungen über ein ganzes Bildungssystem. Zudem fokussierte sich die Studie ausschließlich auf Lehrkräfte – andere wichtige Akteure im Schulumfeld wie Schulleitungen, Eltern oder die Schüler selbst blieben unberücksichtigt. Schulischer Wandel erfordert jedoch meist einen systemischen Ansatz, der alle Beteiligten einbezieht.

Was bedeutet das für Sie?

Die Erkenntnisse dieser Studie haben weitreichende praktische Implikationen, auch wenn sie nicht als direkte Handlungsanweisung verstanden werden sollten. Für Bildungseinrichtungen zeigen die Ergebnisse, dass bereits relativ kurze, gut konzipierte Interventionen messbare Veränderungen bewirken können. Eine einstündige Online-Schulung ist kostengünstig, skalierbar und kann theoretisch Tausende von Lehrkräften erreichen – ein enormer Vorteil gegenüber aufwändigen Präsenzveranstaltungen.

Besonders interessant ist die Kombination verschiedener Ansätze in der Intervention. Reine Informationsvermittlung reicht offenbar nicht aus – erst die Verbindung mit emotionalen Elementen (persönliche Geschichten), Perspektivübernahme und konkreten Handlungsstrategien entfaltet die volle Wirkung. Diese Erkenntnis lässt sich auf andere Bereiche der Vorurteilsprävention übertragen: Ob bei Rassismus, Altersdiskriminierung oder anderen Formen der Ausgrenzung – ein multimodaler Ansatz scheint erfolgversprechender als eindimensionale Aufklärung.

Für Lehrkräfte, die sich für LGBTQ+-Inklusion einsetzen möchten, zeigt die Studie konkrete Wege auf: Faktenwissen ist wichtig, aber Empathie und die Fähigkeit zur Perspektivübernahme sind mindestens ebenso entscheidend. Gleichzeitig betont die Forschung die Bedeutung der Selbstwirksamkeit – das Gefühl, tatsächlich etwas bewirken zu können. Lehrkräfte brauchen nicht nur das Bewusstsein für Diskriminierung, sondern auch konkrete Werkzeuge und Strategien für den Schulalltag.

Die Studienergebnisse mahnen aber auch zur Vorsicht vor zu großem Optimismus. Einstellungsänderungen sind komplex und können sich als weniger stabil erweisen als erhofft. Nachhaltige Veränderungen erfordern wahrscheinlich kontinuierliche Unterstützung, regelmäßige Auffrischungen und strukturelle Reformen im Bildungssystem. Eine einstündige Schulung kann ein wichtiger erster Schritt sein, aber sie ist mit Sicherheit nicht die komplette Lösung.

Wissenschaftlicher Aus

Quelle

Diese Zusammenfassung basiert auf: An Internet-Delivered Intervention to Reduce LGBTQ+ Prejudice Among Romanian Teachers: Randomized Controlled Trial., veröffentlicht in JMIR human factors (2026).

→ Originalstudie auf PubMed (PMID: 41544249)