Einführung
Können Schlafapnoe-Schienen langfristig die Zähne verschieben? Diese Frage beschäftigt nicht nur die etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland, die unter obstruktiver Schlafapnoe leiden, sondern auch ihre behandelnden Ärzte. Eine neue randomisierte kontrollierte Studie mit 65 Patienten liefert nun überraschende Erkenntnisse: Trotz unterstützender Kieferübungen und spezieller Aufbissschienen verloren fast alle Studienteilnehmer nach einem Jahr Behandlung den Kontakt zwischen ihren hinteren Zähnen. Was bedeutet das für die Millionen von Menschen, die auf diese Therapieform angewiesen sind?
Hintergrund und Kontext
Die obstruktive Schlafapnoe ist eine weitverbreitete Erkrankung, bei der die Atemwege während des Schlafs wiederholt kollabieren und dadurch gefährliche Atemaussetzer entstehen. Betroffen sind in Deutschland schätzungsweise 13 Prozent der Männer und 7 Prozent der Frauen über 30 Jahren. Die gesundheitlichen Folgen sind gravierend: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfall und eine deutlich erhöhte Unfallgefahr durch Tagesmüdigkeit sind nur einige der möglichen Konsequenzen.
Die Standardtherapie ist die CPAP-Beatmung (Continuous Positive Airway Pressure), bei der ein Gerät über eine Maske kontinuierlich Überdruck in die Atemwege pumpt. Doch viele Patienten kommen mit dieser Therapie nicht zurecht: Die Maske wird als störend empfunden, das Gerät ist laut, und das Reisen wird kompliziert. Hier kommen Unterkieferprotrusionsschienen ins Spiel – sogenannte Mandibular Advancement Devices (MAD). Diese individuell angefertigten Zahnschienen halten während des Schlafs den Unterkiefer und damit die Zunge in einer vorgeschobenen Position, wodurch die Atemwege offen gehalten werden.
Die Wirksamkeit dieser Schienen ist gut belegt: Sie können die Anzahl der Atemaussetzer bei vielen Patienten deutlich reduzieren. Doch mit der zunehmenden Verbreitung dieser Therapie rücken auch die möglichen Nebenwirkungen in den Fokus. Besonders beunruhigend sind Berichte über Zahnverschiebungen und Veränderungen des Bisses. Können Jahre der nächtlichen Kiefervorverlagerung bleibende Schäden am Kausystem verursachen? Bisher fehlten aussagekräftige Langzeitstudien zu dieser Frage.
Die Studie im Detail
Die vorliegende randomisierte kontrollierte Studie untersuchte gezielt die Nebenwirkungen von zwei verschiedenen Schienentypen bei 65 Schlafapnoe-Patienten über einen Zeitraum von einem Jahr. Die Teilnehmer wurden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt eine Schiene mit beidseitigen Gleitflügeln (MAD 1), die andere eine Schiene mit beidseitigen Stangen nach dem Herbst-Prinzip (MAD 2). Beide Schienentypen verfolgen das gleiche Ziel – den Unterkiefer nach vorn zu verlagern –, unterscheiden sich aber in ihrem mechanischen Aufbau.
Um mögliche Nebenwirkungen zu minimieren, erhielten alle Patienten zusätzlich zur Schiene ein umfassendes Unterstützungspaket: spezielle Kieferübungen zur Kräftigung der Muskulatur sowie eine morgendliche Aufbissschiene, die helfen sollte, den ursprünglichen Biss wiederherzustellen. Die Forscher führten vor Behandlungsbeginn und nach einem Jahr eine umfassende Untersuchung durch, die weit über eine einfache Schmerzbefragung hinausging.
Das Herzstück der Untersuchung war eine hochpräzise digitale Bissanalyse mit dem Greifswald Digital Analyzing System (GEDAS). Dieses System kann mit einer Genauigkeit von wenigen Mikrometern messen, welche Zähne miteinander in Kontakt stehen und wie stark diese Kontakte sind. Zusätzlich kamen traditionelle Shimstock-Folien zum Einsatz – hauchdünne Folien, die zwischen die Zähne gelegt werden, um Kontaktpunkte zu identifizieren.
Die Ergebnisse waren eindeutig, auch wenn die ursprünglich geplante Stichprobengröße aufgrund der Corona-Pandemie nicht erreicht wurde. Bei der digitalen Bissanalyse zeigte sich bei 37 der untersuchten Patienten ein signifikanter Verlust der Kontakte zwischen den hinteren Zähnen (Molaren und Prämolaren). Dieser Befund trat bei beiden Schienentypen gleichermaßen auf, was darauf hindeutet, dass es sich um einen grundsätzlichen Effekt der Unterkiefervorverlagerung handelt und nicht um ein spezifisches Problem einzelner Schienendesigns.
Beim primären Studienendpunkt – den Gesichtsschmerzen – konnten die Forscher keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Schienentypen feststellen. Mit einem p-Wert von 0,107 verfehlte das Ergebnis knapp das statistische Signifikanzniveau von 0,05, was die Autoren auf die reduzierte Stichprobengröße zurückführen. Die schlafbezogenen Parameter verbesserten sich erwartungsgemäß bei beiden Gruppen: Sowohl die Tagesschläfrigkeit (gemessen mit der Epworth Sleepiness Scale) als auch die allgemeine Schlafqualität (Pittsburgh Sleep Quality Index) zeigten nach einem Jahr deutliche Verbesserungen.
So wurde die Studie durchgeführt
Bei dieser Untersuchung handelt es sich um eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT), den Goldstandard der klinischen Forschung. Das bedeutet, dass die Patienten nach dem Zufallsprinzip einer der beiden Behandlungsgruppen zugeteilt wurden, wodurch Verzerrungen durch bewusste oder unbewusste Auswahlkriterien vermieden werden. Dieser Studientyp liefert die höchste Evidenzqualität für die Bewertung von Behandlungseffekten.
Die 65 Teilnehmer stammten aus mehreren Studienzentren und repräsentierten ein typisches Schlafapnoe-Patientenkollektiv. Alle Patienten litten unter einer bestätigten obstruktiven Schlafapnoe und hatten sich für eine Schienentherapie entschieden. Die Randomisierung erfolgte computergestützt, um eine gleichmäßige Verteilung auf beide Behandlungsgruppen zu gewährleisten.
Ein besonderer Vorteil dieser Studie liegt in der Verwendung objektiver Messmethoden. Während frühere Untersuchungen oft nur subjektive Beschwerden abfragten, setzte diese Studie auf präzise digitale Messverfahren. Das GEDAS-System kann Zahnkontakte mit einer Auflösung im Mikrometerbereich erfassen – eine Präzision, die mit bloßem Auge oder herkömmlichen Methoden nicht erreichbar ist. Diese Objektivität ist entscheidend, da Patienten Veränderungen ihres Bisses oft erst sehr spät oder gar nicht bemerken.
Die Studie war als Langzeitbeobachtung über ein Jahr angelegt, um auch langfristige Effekte erfassen zu können. Veränderungen des Kausystems entwickeln sich meist schleichend über Monate oder Jahre, sodass kürzere Beobachtungszeiträume wichtige Effekte übersehen könnten. Die statistische Auswertung erfolgte mittels linearer Modelle, die für wichtige Störfaktoren wie Alter, Geschlecht, Studienzentrum und Ausgangswerte adjustiert wurden.
Stärken der Studie
Diese Untersuchung weist mehrere methodische Stärken auf, die ihre Aussagekraft erhöhen. Der randomisierte Studienaufbau eliminiert systematische Verzerrungen bei der Gruppenaufteilung und ermöglicht einen direkten Vergleich der beiden Schienentypen. Die Verwendung multipler Studienzentren erhöht die Generalisierbarkeit der Ergebnisse, da lokale Besonderheiten einzelner Behandlungseinrichtungen ausgeglichen werden.
Besonders hervorzuheben ist die Kombination aus objektiven und subjektiven Messverfahren. Während die digitale Bissanalyse objektive, reproduzierbare Daten liefert, erfassen die validierten Fragebögen wie die Epworth Sleepiness Scale und der Pittsburgh Sleep Quality Index die subjektive Erfahrung der Patienten. Diese Kombination bietet ein vollständiges Bild der Behandlungseffekte.
Die Berücksichtigung präventiver Maßnahmen wie Kieferübungen und morgendliche Aufbissschienen entspricht der aktuellen klinischen Praxis. Viele Zahnärzte und Schlafmediziner empfehlen solche unterstützenden Therapien, um Nebenwirkungen zu minimieren. Die Studie testete somit nicht nur die isolierte Wirkung der Schienen, sondern ein komplettes Behandlungskonzept.
Die statistische Analyse berücksichtigte wichtige Störfaktoren und verwendete mehrstufige Modelle, die der hierarchischen Struktur der Daten (Zähne innerhalb von Patienten) gerecht werden. Diese methodische Sorgfalt erhöht die Validität der Ergebnisse erheblich.
Einschränkungen und Grenzen
Trotz ihrer methodischen Qualität weist die Studie auch Limitationen auf, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen. Die gravierendste Einschränkung ist die durch die Corona-Pandemie bedingte Reduktion der Stichprobengröße. Ursprünglich waren mehr Teilnehmer geplant, doch die Pandemie führte zu Rekrutierungsstopps und Studienabbrüchen. Dies erklärt, warum beim primären Endpunkt (Gesichtsschmerz) keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen nachgewiesen werden konnten.
Der Beobachtungszeitraum von einem Jahr ist für die Bewertung von Zahnbewegungen relativ kurz. Orthodontische Veränderungen können sich über Jahre entwickeln, und es ist unklar, ob sich die beobachteten Effekte stabilisieren oder weiter fortschreiten. Längerfristige Studien wären notwendig, um das vollständige Ausmaß möglicher Nebenwirkungen zu erfassen.
Die Studie konzentrierte sich auf zwei spezielle Schienendesigns, sodass die Ergebnisse nicht automatisch auf alle verfügbaren Schienensysteme übertragbar sind. Der Markt für Schlafapnoe-Schienen ist vielfältig, mit verschiedenen Materialien, Konstruktionsprinzipien und Anpassungsverfahren. Jedes System könnte theoretisch andere Nebenwirkungsprofile aufweisen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die fehlende Kontrollgruppe ohne Behandlung. Aus ethischen Gründen können Schlafapnoe-Patienten nicht unbehandelt gelassen werden, sodass unklar bleibt, welche Veränderungen tatsächlich durch die Schienen verursacht werden und welche möglicherweise natürliche Alterungsprozesse widerspiegeln. Auch die Tatsache, dass nicht alle Patienten die einjährige Studienzeit vollendeten, könnte die Ergebnisse beeinflusst haben.
Was bedeutet das für Sie?
Die Studienergebnisse liefern wichtige Informationen für alle, die eine Schienentherapie erwägen oder bereits anwenden. Der nachgewiesene Verlust von Zahnkontakten im hinteren Bereich ist zunächst beunruhigend, sollte aber in Relation zu den Vorteilen der Therapie gesetzt werden. Unbehandelte Schlafapnoe birgt erhebliche gesundheitliche Risiken, die die möglichen zahnmedizinischen Nebenwirkungen in der Regel überwiegen.
Für Patienten mit Schlafapnoe-Schienen sind regelmäßige zahnärztliche Kontrolluntersuchungen besonders wichtig. Diese sollten nicht nur die allgemeine Mundgesundheit, sondern auch Veränderungen des Bisses im Blick behalten. Die Studie zeigt, dass selbst präventive Maßnahmen wie Kieferübungen und morgendliche Repositionierungsschienen den Verlust von Zahnkontakten nicht vollständig verhindern können.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass solche Maßnahmen nutzlos sind. Möglicherweise wären die Veränderungen ohne diese Interventionen noch ausgeprägter gewesen. Patienten sollten die von ihrem Zahnarzt oder Schlafmediziner empfohlenen Übungen konsequent durchführen und die morgendliche Aufbissschiene verwenden.
Bei der Auswahl zwischen verschiedenen Schienentypen können die Studienergebnisse ebenfalls hilfreich sein. Da beide untersuchten Designs ähnliche Nebenwirkungsprofile zeigten, sollten andere Faktoren wie Tragekomfort, Haltbarkeit und individuelle Präferenzen bei der Entscheidung im Vordergrund stehen.
Wissenschaftlicher Ausblick
Die vorliegende Studie wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet, und zeigt damit typische Charakteristika guter Forschung. Zunächst sind größere Studien mit längeren Beobachtungszeiträumen erforderlich, um die langfristigen Auswirkungen verschiedener Schienentypen zu verstehen. Besonders interessant wären Untersuchungen über fünf oder zehn Jahre, um das vollständige Spektrum möglicher Veränderungen zu erfassen.
Die Entwicklung neuer Schienentechnologien könnte helfen, die beobachteten Nebenwirkungen zu reduzieren. Forscher arbeiten bereits an adaptiven Systemen, die den Grad der Kiefervorverlagerung während der Nacht variieren, oder an Materialien, die geringere Kräfte auf die Zähne ausüben. Solche Innovationen müssen jedoch ebenfalls in kontrollierten Studien getestet werden.
Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich ist die Entwicklung besserer präventiver Maßnahmen. Möglicherweise können spezifischere Übungsprogramme oder andere Hilfsmittel die unerwünschten Zahnbewegungen effektiver verhindern. Auch die Rolle genetischer Faktoren bei der individuellen Anfälligkeit für solche Veränderungen ist noch weitgehend unerforscht.
Fazit
Diese randomisierte kontrollierte Studie liefert wichtige Erkenntnisse über die Nebenwirkungen von Schlafapnoe-Schienen, auch wenn sie aufgrund der reduzierten Stichprobengröße nicht alle geplanten Fragen beantworten konnte. Der nachgewiesene Verlust von Zahnkontakten im hinteren Bereich ist ein relevanter Befund, der sowohl Patienten als auch Behandler alarmieren sollte. Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch, dass beide untersuchten Schienendesigns ähnliche Nebenwirkungsprofile aufweisen und die schlafmedizinischen Parameter erwartungsgemäß verbessern.
Die Evidenzqualität ist aufgrund des randomisierten Studiendesigns und der objektiven Messmethoden als gut einzustufen, auch wenn die Pandemie-bedingte Verkleinerung der Stichprobe die statistische Aussagekraft einschränkt. Für die klinische Praxis bedeuten die Ergebnisse, dass eine engmaschige zahnärztliche Betreuung von Schlafapnoe-Patienten mit Schienen unerlässlich ist und präventive Maßnahmen trotz ihrer begrenzten Wirksamkeit weiter empfohlen werden sollten.
Häufige Fragen
Sind Schlafapnoe-Schienen trotz der Nebenwirkungen empfehlenswert?
Ja, für die meisten Patienten überwiegen die Vorteile deutlich die Risiken. Unbehandelte Schlafapnoe kann zu schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Unfällen durch Tagesmüdigkeit führen. Der Verlust von Zahnkontakten ist zwar unerwünscht, aber in der Regel weniger gesundheitsbedrohlich als die Folgen der Schlafapnoe. Wichtig ist eine sorgfältige Abwägung durch erfahrene Schlafmediziner und Zahnärzte sowie regelmäßige Kontrolluntersuchungen.
Können die Zahnveränderungen durch Schienen rückgängig gemacht werden?
Dies ist derzeit noch nicht ausreichend erforscht. Einige Studien deuten darauf hin, dass ein Teil der Veränderungen reversibel sein könnte, wenn die Schienentherapie beendet wird. Allerdings ist dies für Schlafapnoe-Patienten meist keine Option, da die Grunderkrankung bestehen bleibt. Kieferorthopädische Behandlungen könnten theoretisch helfen, sind aber aufwändig und teuer. Die morgendliche Aufbissschiene zielt darauf ab, solche Veränderungen zu minimieren, kann sie aber laut der aktuellen Studie nicht vollständig verhindern.
Welche Schiene ist besser: mit Gleitflügeln oder mit Stangen?
Die vorliegende Studie konnte keine bedeutsamen Unterschiede zwischen beiden Designs nachweisen. Beide Varianten zeigten ähnliche Nebenwirkungsprofile und vergleichbare Wirksamkeit bei der Schlafapnoe-Behandlung. Die Wahl sollte daher von individuellen Faktoren abhängen: Tragekomfort, Mundöffnung beim Schlafen, Haltbarkeit und persönliche Vorlieben. Ein erfahrener Zahnarzt oder Schlafmediziner kann bei der Entscheidung helfen und dabei die anatomischen Besonderheiten des einzelnen Patienten berücksichtigen.
Wie oft sollte ich zur Kontrolle, wenn ich eine Schlafapnoe-Schiene trage?
Die Studie unterstreicht die Bedeutung regelmäßiger Kontrolluntersuchungen. Empfehlenswert sind zunächst häufigere Termine in den ersten Monaten nach der Anpassung, dann mindestens alle sechs Monate. Bei diesen Terminen sollten nicht nur die Schienenanpassung und mögliche Beschwerden besprochen, sondern auch Veränderungen des Bisses dokumentiert werden. Eine jährliche ausführliche zahnärztliche Untersuchung mit Fokus auf Kiefergelenke und Zahnkontakte ist besonders wichtig für die Früherkennung von Problemen.
Helfen Kieferübungen wirklich gegen die Nebenwirkungen?
Die Studienergebnisse zeigen, dass Kieferübungen und morgendliche Aufbissschienen den Verlust von Zahnkontakten nicht vollständig verhindern können. Dies bedeutet aber nicht, dass sie nutzlos sind. Möglicherweise wären die Veränderungen ohne diese Maßnahmen noch ausgeprägter gewesen. Die Übungen können außerdem helfen, die Kiefermuskulatur zu kräftigen und Verspannungen zu reduzieren. Da sie praktisch keine Risiken bergen und wenig Zeit kosten, sollten sie trotz der begrenzten Evidenz weiterhin durchgeführt werden.
Quelle
Diese Zusammenfassung basiert auf: Side effects of mandibular advancement devices in obstructive sleep apnea patients - observational results of a randomized controlled trial., veröffentlicht in Sleep & breathing = Schlaf & Atmung (2026).