Millionen von Menschen greifen jeden Herbst und Winter zu Vitamin D-Präparaten in der Hoffnung, sich vor Erkältungen und anderen Atemwegsinfekten zu schützen. Doch funktioniert das wirklich? Eine neue große Meta-Analyse mit über 61.000 Teilnehmern bringt nun überraschende Ergebnisse ans Licht: Der erhoffte Schutzeffekt ist deutlich geringer als bisher angenommen – und möglicherweise gar nicht vorhanden. Was bedeutet das für die Millionen von Vitamin D-Konsumenten weltweit?
Hintergrund und Kontext
Vitamin D ist weit mehr als nur das “Knochen-Vitamin”, als das es lange Zeit bekannt war. In den letzten zwei Jahrzehnten haben Forscher entdeckt, dass nahezu jede Zelle unseres Körpers Rezeptoren für Vitamin D besitzt – ein Hinweis darauf, dass das Vitamin wichtige Funktionen über den Knochenstoffwechsel hinaus erfüllt. Besonders das Immunsystem scheint eng mit dem Vitamin D-Status verknüpft zu sein.
Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt für zahlreiche Studien, die untersuchten, ob eine Vitamin D-Supplementierung vor Atemwegsinfekten schützen kann. Akute Atemwegsinfekte – dazu gehören sowohl banale Erkältungen als auch schwerere Infekte wie Bronchitis oder Lungenentzündung – sind eine der häufigsten Erkrankungen weltweit. Sie verursachen nicht nur persönliches Leid, sondern auch enorme gesellschaftliche Kosten durch Arbeitsausfälle und Behandlungskosten.
Bereits 2017 erregte eine erste große Meta-Analyse internationales Aufsehen, die einen moderaten, aber statistisch signifikanten Schutzeffekt von Vitamin D gegen Atemwegsinfekte nachwies. Diese Analyse umfasste 25 Studien mit etwa 11.000 Teilnehmern und zeigte eine Risikoreduktion von 12 Prozent. Eine erweiterte Version aus dem Jahr 2021 mit 37 Studien und deutlich mehr Teilnehmern bestätigte diesen Befund mit einer ähnlichen Risikoreduktion von 8 Prozent.
Diese Ergebnisse führten zu kontroversen Diskussionen in der medizinischen Fachwelt. Während einige Experten Vitamin D-Supplementierung zur Infektprävention empfahlen, blieben andere skeptisch und verwiesen auf methodische Schwächen einzelner Studien. Gleichzeitig stieg die Popularität von Vitamin D-Präparaten bei Verbrauchern erheblich – ein Trend, der durch die COVID-19-Pandemie noch verstärkt wurde.
Die Studie im Detail
Die neue Meta-Analyse, veröffentlicht im renommierten Fachjournal “The Lancet Diabetes & Endocrinology”, stellt nun diese bisherigen Erkenntnisse infrage. Das internationale Forscherteam um Hauptautor Adrian Martineau vom Queen Mary University of London führte eine umfassende Aktualisierung der bisherigen Evidenz durch, indem sie sechs neue große Studien in ihre Analyse einbezogen.
Das Besondere an dieser Untersuchung: Die Forscher analysierten nicht nur die Ergebnisse der ursprünglichen Studien neu, sondern erhielten von den Studienautoren zusätzliche, bisher unveröffentlichte Daten. Dabei handelte es sich um sogenannte “stratifizierte Daten” – das bedeutet, die Ergebnisse wurden nach wichtigen Faktoren wie dem Ausgangswert des Vitamin D-Spiegels im Blut und dem Alter der Teilnehmer aufgeschlüsselt. Diese Methodik ermöglichte präzisere Analysen als in früheren Meta-Analysen.
Insgesamt flossen Daten von 61.589 Teilnehmern aus 46 hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien in die Analyse ein. Bei diesen Studien handelt es sich um den Goldstandard der medizinischen Forschung: Die Teilnehmer wurden zufällig einer Vitamin D-Gruppe oder einer Placebo-Gruppe zugeteilt, ohne zu wissen, welche Behandlung sie erhielten. Die Studiendauer variierte von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren.
Die Teilnehmer erhielten verschiedene Dosierungen und Darreichungsformen von Vitamin D: von niedrigen täglichen Dosen von 400 internationalen Einheiten (IE) bis hin zu sehr hohen monatlichen Dosen von 100.000 IE. Als Kontrollgruppe dienten entweder Placebo-Präparate oder niedrigere Vitamin D-Dosen.
Das zentrale Ergebnis der Analyse war ernüchternd: Vitamin D-Supplementierung reduzierte das Risiko für akute Atemwegsinfekte um lediglich 6 Prozent – ein Effekt, der statistisch nicht mehr signifikant war. Das bedeutet konkret: Das 95-Prozent-Vertrauensintervall der Odds Ratio von 0,94 reichte von 0,88 bis 1,00 und schloss damit den Wert 1,0 ein, der “keinen Effekt” bedeutet.
Um diese Zahlen zu veranschaulichen: Wenn normalerweise 100 von 1.000 Menschen in einem bestimmten Zeitraum eine Atemwegsinfektion bekommen, würden bei Vitamin D-Einnahme etwa 94 Menschen erkranken – ein Unterschied von nur 6 Fällen. Dieser minimale Unterschied könnte auch dem Zufall geschuldet sein.
So wurde die Studie durchgeführt
Eine Meta-Analyse ist eine besondere Form der wissenschaftlichen Untersuchung, die nicht selbst neue Daten erhebt, sondern vorhandene Studien systematisch zusammenfasst und statistisch auswertet. Man kann sich das vorstellen wie eine “Studie der Studien” – ein Verfahren, das in der evidenzbasierten Medizin als eine der höchsten Formen wissenschaftlicher Evidenz gilt.
Das Forscherteam durchsuchte systematisch fünf große medizinische Datenbanken nach relevanten Studien, die zwischen Mai 2020 und April 2024 veröffentlicht wurden. Dabei legten sie strenge Einschlusskriterien an: Nur randomisierte, kontrollierte Studien mit doppelter Verblindung wurden berücksichtigt, die von einer Ethikkommission genehmigt waren und bei denen Atemwegsinfekte als vorab definierter Endpunkt erfasst wurden.
Besonders innovativ war das Vorgehen bei der Datengewinnung: Anstatt sich auf die in den Originalarbeiten veröffentlichten Zusammenfassungen zu verlassen, kontaktierten die Forscher die Autoren der einzelnen Studien direkt und baten um detailliertere, nach verschiedenen Faktoren aufgeschlüsselte Daten. Diese Methode des “Individual Participant Data”-Ansatzes ermöglicht präzisere Analysen als herkömmliche Meta-Analysen.
Von den sechs neuen identifizierten Studien konnten die Forscher für drei Studien mit insgesamt 16.085 Teilnehmern diese detaillierten Daten erhalten – das entspricht einer beeindruckenden Rücklaufquote von 83,2 Prozent. Die größte dieser neuen Studien umfasste allein 15.804 Teilnehmer und war damit größer als viele der bisherigen Studien zusammen.
Die statistischen Analysen wurden mit sogenannten “Random Effects”-Modellen durchgeführt, die berücksichtigen, dass verschiedene Studien unterschiedliche Effekte haben können. Zusätzlich führten die Forscher umfangreiche Subgruppenanalysen durch, um herauszufinden, ob Vitamin D bei bestimmten Personengruppen – etwa bei Menschen mit niedrigem Ausgangsspiegel oder bei bestimmten Altersgruppen – dennoch wirksam sein könnte.
Stärken der Studie
Diese Meta-Analyse zeichnet sich durch mehrere methodische Stärken aus, die sie zu einer der bisher umfassendsten Untersuchungen zum Thema machen. Der wichtigste Vorteil liegt in der schieren Größe: Mit über 61.000 Teilnehmern aus 46 Studien verfügt sie über eine beispiellose statistische Power, um auch kleine Effekte zuverlässig zu entdecken oder auszuschließen.
Besonders bemerkenswert ist die hohe methodische Qualität der eingeschlossenen Studien. Alle berücksichtigten Untersuchungen waren randomisiert und doppelt verblindet – das bedeutet, weder die Teilnehmer noch die Forscher wussten während der Studiendurchführung, wer Vitamin D und wer ein Placebo erhielt. Dieses Design minimiert systematische Verzerrungen und erhöht die Verlässlichkeit der Ergebnisse erheblich.
Ein weiterer Pluspunkt ist die geografische und demografische Vielfalt der eingeschlossenen Studien. Die Untersuchungen stammten aus verschiedenen Ländern und Klimazonen, umfassten unterschiedliche Altersgruppen von Kindern bis zu Senioren und berücksichtigten verschiedene Gesundheitszustände. Diese Diversität erhöht die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die allgemeine Bevölkerung.
Die innovative Herangehensweise bei der Datensammlung – der direkte Kontakt mit den Originalautoren – ermöglichte detailliertere Analysen als in früheren Meta-Analysen möglich waren. Dadurch konnten die Forscher untersuchen, ob Vitamin D bei bestimmten Subgruppen dennoch wirksam sein könnte, auch wenn der Gesamteffekt nicht signifikant war.
Einschränkungen und Grenzen
Trotz ihrer methodischen Stärken weist auch diese Meta-Analyse wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen. Die bedeutendste Einschränkung liegt in der sogenannten Heterogenität der eingeschlossenen Studien. Obwohl alle Untersuchungen das gleiche grundsätzliche Thema – Vitamin D zur Infektprävention – behandelten, unterschieden sie sich erheblich in wichtigen Details.
So variierten die Vitamin D-Dosierungen zwischen den Studien um das 250-Fache – von sehr niedrigen täglichen Dosen bis zu sehr hohen monatlichen Gaben. Auch die Darreichungsformen unterschieden sich: Manche Studien verwendeten Vitamin D3 (Cholecalciferol), andere Vitamin D2 (Ergocalciferol), und wieder andere Kombinationen mit anderen Nährstoffen. Diese Unterschiede erschweren es, allgemeingültige Schlüsse über die “optimale” Vitamin D-Supplementierung zu ziehen.
Ein weiteres Problem ist die unterschiedliche Definition von “akuten Atemwegsinfekten” zwischen den Studien. Während manche Untersuchungen nur klinisch diagnostizierte Infekte erfassten, verließen sich andere auf Selbstberichte der Teilnehmer. Einige schlossen nur bakterielle Infekte ein, andere auch virale Erkrankungen. Diese Unterschiede können zu Verzerrungen in den kombinierten Ergebnissen führen.
Besonders problematisch ist auch, dass für drei der sechs neuen Studien keine detaillierten Daten zur Verfügung standen. Diese Studien mussten über ihre zusammenfassenden Ergebnisse in die Analyse einbezogen werden, was die Präzision der Gesamtanalyse reduziert. Gerade eine dieser Studien ohne verfügbare Detailddaten war mit fast 16.000 Teilnehmern besonders groß und könnte das Gesamtergebnis erheblich beeinflusst haben.
Schließlich ist zu bedenken, dass auch 61.000 Teilnehmer möglicherweise nicht ausreichen, um sehr kleine, aber klinisch relevante Effekte zuverlässig nachzuweisen. Wenn Vitamin D das Infektrisiko nur um 3-5 Prozent reduziert, könnten noch größere Studien nötig sein, um diesen Effekt statistisch zu belegen.
Was bedeutet das für Sie?
Die Ergebnisse dieser umfassenden Meta-Analyse sollten zu einer realistischeren Einschätzung der Rolle von Vitamin D bei der Infektprävention führen. Für die meisten Menschen bedeutet dies: Vitamin D-Präparate sind wahrscheinlich keine “Wunderwaffe” gegen Erkältungen und andere Atemwegsinfekte, als die sie oft beworben werden.
Das heißt jedoch nicht, dass Vitamin D völlig nutzlos ist. Die Studie zeigt zwar keinen statistisch signifikanten Schutzeffekt, aber die Punktschätzung deutet immer noch auf eine mögliche 6-prozentige Risikoreduktion hin. Bei einer harmlosen und kostengünstigen Intervention könnte auch ein kleiner Effekt durchaus relevant sein – besonders auf Bevölkerungsebene.
Wichtig zu verstehen ist auch, dass diese Studie nur die Prävention von Atemwegsinfekten untersuchte. Vitamin D hat nachgewiesene andere gesundheitliche Vorteile, insbesondere für die Knochengesundheit. Menschen mit diagnostiziertem Vitamin D-Mangel sollten diesen unabhängig von möglichen Effekten auf Infekte behandeln lassen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass eine pauschale Vitamin D-Supplementierung für alle Menschen zur Infektprävention wahrscheinlich nicht sinnvoll ist. Stattdessen könnte ein individuellerer Ansatz angebracht sein: Menschen mit sehr niedrigen Vitamin D-Spiegeln, ältere Personen oder Menschen mit schwachem Immunsystem könnten möglicherweise stärker von einer Supplementierung profitieren, auch wenn die aktuelle Studie dies nicht eindeutig belegt.
Für die Infektprävention bleiben bewährte Maßnahmen weiterhin die wichtigsten: regelmäßiges Händewaschen, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und die Vermeidung von engem Kontakt zu erkrankten Personen. Diese Maßnahmen haben eine deutlich stärkere wissenschaftliche Evidenzbasis als Vitamin D-Präparate.
Wissenschaftlicher Ausblick
Die Ergebnisse dieser Meta-Analyse werfen neue Fragen auf und zeigen gleichzeitig Richtungen für zukünftige Forschung auf. Eine zentrale Frage bleibt, ob bestimmte Subgruppen von Menschen dennoch von Vitamin D-Supplementierung zur Infektprävention profitieren könnten. Bisherige Hinweise deuten darauf hin, dass Menschen mit sehr niedrigen Ausgangsspiegeln oder bestimmte Altersgruppen stärker profitieren könnten.
Zukünftige Studien sollten sich auf eine präzisere Charakterisierung solcher Risikogruppen konzentrieren. Dazu gehört auch die Frage nach der optimalen Dosierung und Darreichungsform. Die große Variabilität in den bisher durchgeführten Studien macht es schwierig, evi
Quelle
Diese Zusammenfassung basiert auf: Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory infections: systematic review and meta-analysis of stratified aggregate data., veröffentlicht in The lancet. Diabetes & endocrinology (2025).